Im Land der Sonnenschirme, Sonnenhüte und Fächer 

Es hat wohl auch einen tieferen – vielleicht in seiner Bedeutung nicht voll erkannten - Sinn, wenn in der Flagge der Philippinen auch das Sonnensymbol erscheint. 

Das Land wird nicht nur von der Sonne gestreichelt, wie Rizal dies in seinem Abschiedsgedicht „Mi Ultimo Adios“ –„Farewell, my adored Land, region of the sun caressed - meint. Die Sonne kann auch so heiß wie ein riesiges Bügeleisen brennen, so dass man sich vor ihr mit allerlei Vorkehrungen schützen muss. Deshalb hier einige, sicherlich nicht vollständige Anmerkungen zum Sonnenschutz und heißer, stehender Luft.  

Sonnenschirme 

Dazu gehört auch der Schirm. Schützt er bei uns in den nördlichen Ländern fast ausschließlich vor Regenschauern, so muss er auf den Philippinen vor allem vor der Sonne schützen. Insbesondere die Damen schätzen die helle Haut. Man will doch nicht braun wie ein Bau- oder Straßenarbeiter sein. Das wäre dem sozialen Status nicht besonders förderlich. 

Bei einem tropischen Sturm oder einem Taifun verliert ein Schirm jedoch schnell seine Daseinsberechtigung. Die Gefahr, dass bei einer unglücklichen Drehung oder plötzlichem Seitenwind sich das Innere des Schirms nach außen dreht oder er gar wegfliegt, ist schnell gegeben. 

Selbst in ärmeren Haushalten auf den Philippinen sind oft mehrere Sonnenschirme anzutreffen: große, unter denen auch zwei Personen Platz finden können oder kleinere handlichere, solche mit kurzem oder langem Stiehl. Und sicherlich finden sich auch noch in einer Ecke zumindest noch ein ramponierter Schirm mit gebrochenen Streben oder eingerissenem Bezug.    

Die Farben können alle Farbspektren des Kaleidoskops aufweisen, obwohl wegen der Sonnenreflexion zu eher helleren Farben angeraten wird. Die Frage, welche Farbe ein „schöner“ Sonnenschirm aufweisen soll – ob beige und/oder hellgrün, gelb und/oder blau, rot-orange oder gelb oder doch beige und/oder hellgrün – kann Frauen stundenlang beschäftigen. Kluge Männer ziehen sich  bei solchen fraulichen Beratungen lieber zurück.  

Sonnenschirme schützen nicht nur vor starker Sonneneinstrahlung. In längerer Ausführung können sie auch als Spazierstock dienen. Man kann mit ihnen im Unrat stochern oder im Sand schnell etwas zeichnen. 

Verfügt der Schirm insbesondere auch über eine Metallspitze, dann taugt er auch als Stoß- oder Hiebwaffe. Das haben nicht nur die Vertreter der philippinischen Kampfkünste Eskrima oder Arnis erkannt. Insbesondere junge Frauen schätzen diese Schutzmöglichkeit, denn das Pfefferspray oder andere Hilfsmittel findet man in der Not doch nicht so schnell in der Tasche. 

Der Einsatz als Waffe ist aber eher ultimo ratio – ein graziöser Payong-Tanz junger Filipina mit farbenprächtigen Sonnenschirmen ist wohl allen lieber. 

Die Dunkelheit ist schon hereingebrochen und sie sehen die auf philippinischen Gehsteigen allgegenwärtigen Riesenlöcher, Krater, Kanten, Abbrüche und sonstige Hindernisse kaum noch. Für sie kein Problem. Sie haben sich längst schon einen Schirm mit integrierter Taschenlampe besorgt.    

Ein Sonnenschirm kann aber auch zur Kontaktaufnahme dienen. Sie haben an einem heißen Tag eine junge Dame ohne Schirm ins Visier genommen? Probieren Sie es einmal mit „Halika. Sukob na (Come here – Share my umbrella). Viel Glück. Wenn sie selbst keinen Schirm haben, die junge Dame aber einen hat, dann lautet die etwas keckere Formulierung: „Pwedeng maki-sukob? (May I share your umbrella?).  

Natürlich ist auch auf den Philippinen die stete Gefahr des Verlustes gegeben – im Supermarkt, im Jeepney oder in der Bank. Es ist eine Frage der Vorsicht und Vorkehr, ob sich der Verlust auf einen Schirm pro Jahr eingrenzen lässt. Verloren gegangene Schirme können schon ins Geld gehen und nicht immer lässt sich ein kostenfreier Schirm mit Werbeaufschrift und Werbelogo organisieren. Diese gibt es jedoch auch. Eine größere Publikumsaufmerksamkeit fanden in der jüngeren Vergangenheit unter anderem Schirme, mit denen für „breast-feeding“ (Brustfütterung) geworben wurde. Wir wollen hoffen, dass ihnen nicht ausgerechnet der dekorative Schirm verloren geht, den sie für viel Geld auf einer Auktion philippinischer Künstler erworben haben.  

Schwierig wird es im dicken Passantenverkehr, wenn man zum Beispiel auf dem Gehsteig mit einem Riesenschirm Lkw-artig  durch einen Strom von Schirmträgern steuern will. Nicht nur, dass einem das Tragen des Schirms mit angewinkeltem Arm schon schwer fällt, es wird die Höflichkeit herausgefordert: „You go ahead“, „After you, please oder „No, you first“. Bumpser bleiben oft nicht aus. Hinzu kommt, dass man bei einem stark heruntergezogenen dunklen Schirm trotz aller Ausweichbemühungen schnell Opfer eine Riesenpfütze werden kann. Deshalb geben manche auch einem (teil-) transparenten Schirm den Vorzug, der die Sicht frei hält, dafür aber die Sonne ungehindert durchlässt.  

Bei wechselhaftem Wetter gibt es neben den vielen Mischtypen zwei Typen von Menschen, die dem Wetter generell nicht über den Weg trauen. Meine philippinische Ehefrau  gehört zu Typ I.  Immer wenn sich hier in „Old Germany“ ein Wölkchen am Himmel zeigt, zückt sie den Regenschirm, als wolle sie einen Regenfall geradezu provozieren. - Typ II ist wesentlich resignativer. Er weiß, dass wenn er den Regenschirm mitnimmt, die Sonne vom Himmel lachen wird. Nimmt er jedoch keinen Regenschirm, dann wird es regnen. Angesichts solcher unvermeidlichen Fehleinschätzungen verzichtet er entschlossen ganz auf einen Schirm.  

 Hüte und Kopfbedeckungen 

Regenschirme haben die unangenehme Eigenschaft, dass man sie in einer Hand halten muss. Was aber - wenn man mit beiden Händen arbeiten muss? Hier könnte ein Regenschirmhut (A) das Geeignete sein. Und damit sind wir bei Kopfbedeckungen ganz allgemein. 

Unter den Kopfbedeckungen ist die Auswahl so groß, so dass unsere Galerie nur einige wenige präsentieren kann.

 

Die Auswahl fängt wohl an beim Kopftuch, das man häufiger bei Fischern sieht und setzt sich fort beim preiswerten Plastik-Cap mit und ohne  Kopfbedeckung oder Werbeaufschrift (B, C mit Nackenschutz). Mützen ohne umlaufende Krempe – wie zum Beispiel die bekannte Baskenmütze – bieten kaum Sonnenschutz.  Will man sich mit dem südostasiatischen Land in besonderer Weise solidarisch zeigen, dann empfiehlt sich vielleicht ein Bambushut, der jedoch schnell ins Bräunliche übergeht oder den spitz zulaufenden Reisstrohhut (E) mit Schlaufe. Wer imperiale Gelüste noch nicht ganz abgelegt hat, entscheidet sich möglicherweise für einen Tropenhelm (F). Er sollte aber möglichst nicht das japanische Kriegsmodell nehmen. Tante Pißbeth findet den Daisy-Hut (G) ganz toll. Ein Sombrero-Hut (H) wird sicherlich auch gute Dienste leisten. Ex-DDR-Staatspräsident Honnecker hatte, wenn er in die Tropen reiste, eine Vorliebe für Panama-Hüte (I). Einen solchen dürfte er auch bei seinem Staatsbesuch in Manila  1977 getragen haben. Panama-Hüte können wegen der aufwendigen Verarbeitung relativ teuer sein. Strohhüte – gefertigt aus Reis- oder Toquillastroh, der Talipot-Palme oder aus der Abaca-Pflanze, sind generell zu empfehlen, da sie luftdurchlässig sind und hinreichend vor Regen schützen. 

Auf einen Hut mit eingebauter Klimaanlage werden wir wohl noch etwas warten müssen.  

Fächer 

Auf den Philippinen kann man unter der stehenden heiß-schwülen Luft leiden und man ist dann oft geneigt, ein Königreich für eine frische, kühle Windbrise zu geben. Besser ist man dran, wenn der Raum, in dem man sich aufhält, über eine Air-Kondition oder elektrische Ventilatoren verfügt. Aber das ist ja nicht immer der Fall. Hilfe in der Not verschafft jede breite, ebene Fläche, zum Beispiel eine gefaltete Zeitung, mit der man sich etwas Luft zufächelt. Zweifelhaft bleibt jedoch, ob die gefaltete Zeitung soviel Luft umschlägt, wie dies ein besserer Fächer in der Regel kann. 

Fächer haben eine uralte historische Tradition. Schon die alten Ägypter fächerten ihren Regenten mit Riesenfächern frische Luft zu. Auf eine lange Fächertradition können auch die Chinesen zurückblicken. Sie entwickelten viele Fächerarten mit zum Teil raffinierter Technik und aufwendiger Dekoration. In Europa hatte der Fächer insbesondere im Rokoko seine Blütezeit. Er war ein unverzichtbares Requisit für die höher gestellten Damen dieser Zeit. Fächer sind heute in den nördlichen Ländern zweifelsohne „out of fashion“. Wenn wir es richtig sehen,  versucht nur noch der Modezar Lagerfeld, seine schnell dahin geplapperten Nichtigkeiten mit einem Fächer an den Mann oder die Frau zu bringen. 

Anderst die Situation auf den Philippinen. Fächer, manchmal auch Abaniko benannt,  finden sich wie Besen fast in jedem Haushalt. Er wird auch von Männern benutzt. Nachfolgend haben wir einige auf den Philippinen anzutreffende Fächer zusammengestellt:

 

Dem einfachen Fächertyp (A) begegnet man in der Provinz allenthalben. Er wird zumeist aus der Buri-Palme gefertigt. Der Lollypop-Fächer (B) passt in die moderne Werbewelt. Fächer (C) ist wohl für den Kirchgang gedacht und soll wohl Gläubigkeit nach außen hin demonstrieren. In (D) begegnet uns ein dekorativer Fächer. Dekorative Fächer sind mehr als ein Gebrauchsgegenstand, sie sind auch Statussymbol. Sie können Blätter aus Papier, Seide, Leder, Pergament, Spitze oder sogar Schwanenhaut aufweisen und mit schillernden Pailletten bestickt und zum Beispiel mit Blumenmotiven bemalt sein. Dies gilt auch für die äußeren Deckstäbe, die den Fächer schützen sollen. Teure Edelvarianten verfügen häufiger ein Gestell aus Schildpatt, Horn, Perlmutt oder Elfenbein und vielleicht schmückt den Dorn auch ein Edelstein. 

Manchmal sieht man auf den Philippinen auch Tänze, bei denen die jungen Frauen Kastagnetten und Fächer in ihren Händen halten. Eine gewisse kulturelle Bedeutung hat der Fächer auch durch Rizal. Eine seiner Hauptfiguren in dem Roman „Noli me tangere“, die schöne, sanftmütige, aber auch nicht sonderlich emanzipierte Maria Clara – lange Zeit das Frauenidol auf den Philippinen – verfügt auch über einen Elfenbeinfächer. Geben wir Rizal kurz das Wort: 

“Sie zeigte ihre Liebe mit jener unschuldigen Anmut, die nur lautere Gedanken kennt…. Zwar hielt sie sich einen Fächer vors Gesicht, wenn sie geneckt wurde, aber über dem Fächer lächelten ihre Augen … Der Saal war voller Leute … Entzückt bewunderten sie Maria Claras Schönheit, und ein paar alte Frauen murmelten bettelkauend:„ Wie die Heilige Jungfrau!“ (1)

Mit ihrer Fächergeste bringt Maria Clara eine gewisse Beschämung zum Ausdruck. Es soll auch auf den Philippinen eine Fächersprache geben. Wird das Kinn mit einem Fächer bedeckt, so soll dies ein Ausdruck der Bescheidenheit sein, während rasche Fächerbewegungen auch Missbehagen signalisieren können. 

Wir wissen nicht, ob die Fächersprache – eine Art Geheimsprache in stärker reglementierten Gesellschaften – auf den Philippinen je die Ausdifferenzierung und den Entwicklungsstand erreicht hat, den sie insbesondere im Europa des 18. Jahrhunderts hatte. „Fächer am linken Ohr“ signalisierte damals zum Beispiel „Lass mich in Ruh“, während das Gleitenlassen des Fächers über die Wange“ die kokette Ausdrucksform für „Ich liebe dich“ war und ein auf der Lippe liegender Fächer einer Aufforderung zum Kuss gleichkam.  

Vielleicht probieren sie es einfach mal aus, ob insbesondere die letzteren beiden Fächergesten noch funktionieren. Es kann sein, dass sie ihr Gegenüber nicht  versteht - oder vielleicht auch nicht verstehen will. Dann kann es auch an ihnen liegen. 

Schlimmer kann es nur werden, wenn ihr Gegenüber auf ihre auffordernde Fächergeste hin, mit einem Abaniko-Schlag reagieren sollte, den Eskrima auch kennt. Beim Abaniko-Schlag führt man fächerartig weniger harte, aber sehr schnelle und präzise Schläge zu verschiedenen Körperstellen des Gegners aus. 

Mit Pfarrer Fliege wünschen wir ihnen deshalb: Kommen sie nicht zu Fall. 

© Wolfgang Bethge, 2007  


(1) Jose Rizal, Noli Me tangere, Darmstadt, 2000, S. 188