Taifune auf den Philippinen - Die apokalyptischen Reiter

 

....  Tags zuvor war das Barometer schon gefallen und im Radio war von einer Taifunwarnung „Signal Number 4“ die Rede. Jetzt wird es ernst, in etwa zwölf Stunden müssen wir mit dem direkten Durchzug eines Taifuns rechnen, belehrte mich Narcing mit sorgenvoller Miene und machte sich an die notwendigen Vorkehrungen, um Schlimmeres abzuwenden. Das Dach wurde auf lecke Stellen überprüft, einige Fenster mit Brettern vernagelt und im Hof wurden einige Objekte fester gebunden. Derweil hatten die übrigen Familienmitglieder die Nahrungsmittelvorräte aufgestockt, einige Gallonen Trink- und Gebrauchswasser in Bereitschaft gebracht und in Erwartung eines Stromausfalls den ebenerdige Kühlschrank höher und auf maximale Kälte gestellt. Teppiche wurden aufgerollt und der Batterievorrat fürs Radio und die Taschenlampen ergänzt.  

Der Wind frischte am Nachmittag auf und es zog ein grau-gelbliches Wolkenband von Osten auf. Wetterleuchten und Blitze erhellte für einige Minuten den Strand und das Meer färbte sich mit dem periodisch  einsetzenden Regen grau. Die Wolken verdunkelten sich zusehends stärker und nun begann es in Schwaden und Vorhängen zu regnen, so daß auf vier Meter fast nichts mehrt zu sehen war. Donner  und das klagend-brüllende Heulen der Winde verschluckten jeglichen Zuruf. Der Wind wurde zum schrecklichen Sturm, Baumzweige pendelten wild vor- und zurück und die Palmen bogen sich u-förmig in Richtung Boden. Die Regentropfen wandelten sich zu Geschossen, sie drückten Sträucher und Gräser nieder. Das Meer kochte und schäumte. Dann zu nächtlicher Stunde wurde es wieder ruhig. Jetzt sind wir nur im windstillen Auge des Taifuns, sagte Narcing, das ist noch nicht das Ende. Taifune können auch zurückkehren. Und wie angekündigt, setzte das infernalische Szenario erneut ein, zehrte an den Nerven  und ebbte erst am darauf folgenden Tag ab. Weggerissene Palmdächer, geköpfte Palmen, in Wassertümpeln stehende Hütten, stark angeschwollene bräunliche Zuflüsse zum Meer und  ausgewaschene Wege bekundeten danach die Gewalt der Riesenfaust des  Taifun, der im historischen Vergleich dann doch nur schwach war   ... 

So kann man einen Taifun auf den Philippinen erleben. Generelle Bemerkungen unter spezieller Berücksichtigung der Taifunsituation auf den Philippinen finden sich im nachfolgenden.  

Zyklone oder Wirbelstürme  bezeichnet man im atlantischen und karibischen Raum als Hurrikane. Im südostasiatischen Raum spricht man von Taifunen. Das Wort Taifun leitet sich aus dem chinesischen Wort Tai-Fung („starker Wind“) ab. Im Tagalog verwendet man das Wort  „Bagyo“ dafür. Längst nicht jeder Sturm wird als Taifun deklariert. Die „Saffir-Simpson-Kategorien“ - eine internationale Klassifikation, die in den fünfziger Jahren entwickelt wurde - basieren auf der Windgeschwindigkeit. Von einem tropischen Tief spricht man, wenn eine Windgeschwindigkeit von 63 km/h nicht überschritten wird. Etwa  die Hälfte der tropischen Tiefs im nordwestlichen Pazifik und dem Südchinesischen Meer entwickelt sich nicht weiter. Steigert sich jedoch die Windgeschwindigkeit darüber hinaus auf bis zu 117 km/h, dann spricht man von einem  tropischen Sturm. Ein tropischer Sturm generiert zu einem Taifun, wenn eine Windgeschwindigkeit von 118 km/h (entspricht der Windstärke 14) überschritten wird. Mit dieser Maßgabe ist das Vorkommen eines Taifuns definiert. Taifune selbst weisen nach dieser Kategorisierung fünf Unterklassen (SS1–SS5) auf. Einstufungsmerkmal ist wiederum die sich steigernde Windgeschwindigkeit. Ab der Kategorie SS4, d. h. Windgeschwindigkeiten über 208 km/h, spricht man von Supertaifunen. Bei einem Taifun der Kategorie SS5 – zumeist als Jahrhunderttaifune gut im Gedächtnis der Bevölkerung – liegen Windgeschwindigkeiten über 248 km/h  und Wellengänge von über 5,5 Meter vor.  

Während in früheren Zeiten die Taifune willkürlich benannt wurden (z.B. „Truman“) publizierte das Philippine Weather Bureau 1963 vier Namensblöcke  mit je 19 Namen für vier aufeinander folgende Jahre, jeweils startend mit einem Namen mit dem Buchstaben "A".  Zusatzlisten sollen dem Fall abhelfen, dass in einem Jahr mehr Taifune eintreten als die vorhandenen 19 philippinischen Buchstaben. Die Namenslisten beziehen sich meistens auf Kurzformen weiblicher Vornamen und enden oft mit „ng“. Die Namen von besonders zerstörerischen Taifunen werden nicht wieder verwandt und von der Liste gestrichen. Unabhängig von der philippinischen Namensgebung gibt es auch noch eine mit anderen südostasiatischen Ländern abgestimmte andere Namensliste. 

Die auf die Philippinen einwirkenden Taifune entwickeln sich aus großflächigen Tiefdruckgebieten mit etwa 27 Grad warmer, feuchter, schnell aufsteigender Luft im westlichen Pazifischen Ozean (6-12 Grad nördlicher Breite/ insbesondere die Seegebiete um die Marianen-und Karolinen-Inseln). Je mehr der Luftdruck im Zentrum fällt, desto mehr kalte Luft beginnt aus der unteren Atmosphäre in das vertikal zirkulierende Heiß-Luft-System einzuströmen.  Die sich durch die Erddrehung im Uhrzeigersinn (Coriolis-Effekt) aufwärts drehenden, feuchten Luftmassen bilden dann einen energiegeladenen, etwa zehn Kilometer hohen spiralenartigen Säulenring vertikaler  Luftströmungen aus. Die Luft kondensiert in der Höhe zu einem  100–2000  Kilometern breitem Schirm stark regenhaltiger Quell- und Gewitterwolken. Innerhalb des Rings gibt es eine kreisförmige, windarme, oft wolkenlose Zone, die auch das „Auge“ des Hurrikans genannt wird und einen Durchmesser von 20–100  Kilometern haben kann. Unmittelbar außerhalb des „Auges“ wurden Windströmungen mit bis zu 480 km/h und sintflutartige Niederschlagsmengen festgestellt. 

Ein durchschnittlicher Taifun produziert übrigens eine Energiemenge von etwa 20 Millionen Megawatt, was der jährlichen Stromerzeugung der USA entsprechen soll. Die durchschnittliche Regenmenge eines Taifuns beinhaltet etwa die halbe Regenmenge Deutschlands. Taifune haben – unabhängig von ihrer stark zerstörerischen Wirkung – auch positive bez. funktionale Eigenschaften für das globale Wettergeschehen. Sie stellen ein großes Hitze- und Feuchtigkeits-Transfersystem zwischen den Tropen und den Polen dar. Sie senken die Temperaturen in den Tropen und erhöhen diese in den polnäheren Gebieten und stabilisieren so das Klimagleichgewicht.   

Die nach Westen bez. Nordwesten ziehenden Taifune treten auf den Philippinen vor allem zwischen Juli und November – mit Schwerpunkt September und Oktober - auf.  

Oft leiden ganze Provinzen, manchmal der halbe Insel-Archipel unter seinen Einwirkungen. Besonders betroffen  sind die Küstengebiete zwischen Nord-Luzon und den südlichen Visayas. Zu nennen sind insbesondere die Inseln Samar und Catanduanes sowie die Provinz Bicol. Mehr Glück haben der Sulu-Archipel, die Insel Mindanao, Negros, Cebu, Bohol sowie der Süden von Palawan. Sie werden nur gelegentlich von Ausläufern berührt. Mit ca. 5 – 25 km/h Geschwindigkeit bewegt sich dann das „Auge“ des Taifuns in westlicher und nordwestlicher Richtung nach China, Südkorea, Formosa und Japan weiter. Taifune können aber auch kurzfristig zurück kehren. Über dem südchinesischen Meer kann ihre Intensität wieder zunehmen, auf dem folgenden Landweg lässt ihre zerstörerische Wirkung wegen Abkühlung wieder stark nach. Der Taifun fällt schließlich in sich zusammen, er „stirbt“.  

Die Durchschnittsdauer eines Taifuns auf den Philippinen  beträgt etwa neun Tage. Es gibt aber auch Zyklone, die nur zwei Tage bez. im Extremfall drei bis vier Wochen dauern.  

Die Zahl der Taifune nimmt auf den Philippinen zu. Man macht dafür die Erderwärmung verantwortlich. In früheren Jahrzehnten rechnete man durchschnittlich mit 21 Taifunen, jetzt hat sich die durchschnittliche Spanne auf 25–35  erhöht. 

Auf den Philippinen gibt es vier Signalstufen für das Heraufziehen eines Taifuns. Verantwortlich für das Ausrufen der Warnstufen ist das Philippine Atmospheric, Geophysical and Astronomical Services Administration (PAGASA). Bei dem schwächsten „Signal 1“ wird mit dem Auftreten eines Taifuns innerhalb von 36 Stunden gerechnet. Diese Zeitspanne verkürzt sich bei „Signal 2“ auf 24 Stunden. Mit Windstärken zwischen 60 – 100 km/h, schweren Regenfällen, Überschwemmungen in niedrig gelegenen Gebieten ist schon bei dieser Warnstufe zu rechnen. Bei „Signal 3“, d.h. der Erwartung eines Taifuns innerhalb  von 18 Stunden, werden Schulen, öffentliche Verwaltungseinrichtungen und die meisten privaten Büros geschlossen. Der Verkehr kann reglementiert sein. Es werden dann Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h erwartet. Signal 4“ prognostiziert das direkte Eintreffen innerhalb der nächsten zwölf Stunden. Die Windböen können dann mehr als 185 km/h betragen und großflächige Überflutungen als Begleiterscheinung haben. Die Warnungen basieren auf Prognosen, die manchmal schief liegen können, zum Beispiel wenn sich die Bewegungsrichtung eines Taifuns plötzlich ändert. 

Die 25–35 Taifune auf den Philippinen verursachen jedes Jahr Hunderte von Toten, Verletzten und Vermissten. Groß ist auch die Zahl von Evakuierungsfällen, immens der Sachschaden durch Sturmtiden und Erdrutsche, die Zerstörung  und Beschädigung von Häusern und Straßen. Ernten, zum Beispiel Kokosnuss-Ernten fallen ganz oder teilweise aus und eine noch stärkere Erosion landwirtschaftlich genutzter Flächen ist oft die Folge. Da eine Bö von 130 km/h einen Druck von bis zu 400 kg pro Quadratmeter ausüben kann, werden Dächer weggerissen, Bäume entwurzelt und Strom- und Telefonleitungen zerstört. Häufige Sekundärfolgen sind oft auch Hausbrände, da bei Taifun im Haushalt oft zu Kerzen gegriffen wird und die Blasebalg-Winde außer Berücksichtigung bleiben. Der Flugverkehr erfährt in der Regel stärkere Einschränkungen. Von Überschwemmungen sind auch städtische Gebiete zum Beispiel in und um Manila stärker betroffen wie Tondo, Sampaloc, Teile von Quezon City, Valenzuela und Taguig.  

Supertaifune bleiben jahrelang in der Erinnerung der Bevölkerung haften. Hier einige „Tops“: Bei dem Supertaifun Sening im Oktober 1970 wurde eine Windgeschwindigkeit von 275 km/h, bei den Taifunen Rosing (1995) und Anding (1981) jeweils eine von 260 km/h gemessen. Eine noch stärkere Windgeschwindigkeit in der jüngeren Geschichte wies  lediglich der Hurrikan Gilbert auf, der 1988 Jamaika und Teile von Mexiko zerstörte und bei dem eine maximale Windgeschwindigkeit von 350 km/h registriert wurde. -  Die Auflistung der Taifune seit 1947 mit den meisten Opfern führt der Taifun Dinang (Dezember 1981) mit 2764 Toten an. Es folgen die Taifune Nitang (1984) mit 1.363 Opfern bez. der Taifun Amy (1951) mit 991 Opfern. Die höchste Opferzahl in jüngerer Zeit hatte man übrigens in Bangladesh zu verzeichnen. Hier zählte man 1970 ca. 300.000 Tote durch die von einem Taifun verursachten Sturmtiden im Deltabereich.  

Die Taifune tragen - neben den Erdbeben und Vulkanausbrüchen, Epidemien  sowie gelegentlichen Dürren -  zu einem gerüttelten Maß dazu bei, dass das United Nations´s Office for Civilian und Humanitarian Affairs (OCHA) die Philippinen 2001 als das durch Naturkatastrophen am meisten gefährdete Land der Welt einstufte.   


© Wolfgang Bethge, 2003