Die unvermeidlichen Wegbegleiter:

Plastic Slippers, Flip-Flops oder Tsinelas

 

 

Slippern begegnet man fast überall. Insbesondere die höherpreisigen Sorten – sieht man einmal von simplen Badelatschen ab - sind auch in westlichen Ländern zum Modeartikel und Statussymbol geworden.  

Es gibt wohl aber kein anderes Land, in dem sie derart zahl- und variantenreich vorkommen, wie auf den Philippinen. Sie gehören zum Standardinventar der Philippinen. Selbst die Ärmsten verfügen mindestens über ein Paar. Besucht man eine philippinische Familie, so wird einem in der Regel vor der Haustür der Weg zunächst versperrt durch eine Armada von Slippern unterschiedlicher Größe und Farbgebung. Früher oder später wird auch dem fremden Gast ein Paar angetragen. Doch davon später.

Im hohen Schuhmacherdeutsch sprechen wir von Zehenstegsandalen. Viele Länder kennen – zum Teil rechtlich geschützte – andere Bezeichnungen. Zu den international gebräuchlichsten Bezeichnungen  gehören Slipper und Flip-Flops. Im Tagalog heißen die einfacheren Varianten „Tsinelas“, vermögendere Snobs und Modenarren beiderlei Geschlechts sind vermutlich stolz auf ihre teureren, zumeist aus Brasilien importierten „Havainas“ (die Bezeichnung bezieht sich auf die Insel Hawaii). Historische Vorläufer – im Laufe der Entwicklungsgeschichte vom Fußlappen zum Stöckelschuh -  waren vielleicht die Sandalen der römischen Krieger. Es gibt aber auch andere historische Deutungen. Erwähnen wir in diesem Zusammenhang noch, dass im Märchen Aschenputtel beziehungsweise Cinderella  gläserne Slipper benutzte.  

Tsinelas haben eine einfache, sehr offene, fersenfreie Konstruktion. Der Grundtypus weist eine flexible Sohle auf, die an drei Punkten durch einen Halteriemen mit dem Fuß verbunden ist.  Der Riemen verläuft zwischen der großen Zehe und der nächstfolgenden Zehe Y-förmig über den Fußrist. 

Die Preisspanne für Slippers reicht von einem bis zu über dreihundert Dollar. Material, Farben und Form können sehr unterschiedlich sein. Die billigeren Tsinelas sind aus zumeist aus Gummi und Plastik gefertigt. Ledersandalen rangieren eine Qualitätsstufe höher. Einen „domestic touch“ bekommen die Slipper, wenn das Fußbett  aus Bambusstreifen  oder die Riemen aus Abaca-Hanf gefertigt wurden. Filz, Frottee oder Samt können gleichfalls Fertigungsmaterialien sein. 

Neben den dünnsohligen Schuhen gibt es auch dickwandigere Chopinen oder „High-Heels“ mit Keilabsatz. Nur in wenigen Ausnahmefällen weisen die dickeren Sohlen auch ein orthopädisch geformtes Fußbett von der Güteklasse der Birkenstock-Sandalen auf. 

Das Fußbett ist insbesondere bei den teuren Markenartikel-Haivanas oft mit Blumenmustern zum Beispiel Hibiskus-Blüten dekorativ geschmückt. Die Halteriemen können breiter oder auch schmäler sein.  Auch sie können mit Pailletten - kleine Plättchen aus Metall oder Glas - geschmückt sein. Nationalbewusste Pinoys wählen natürlich einen Edel-Treter, dessen Riemen die Nationalfarben Rot-Blau-Gelb zeigen. Wir wissen nicht, ob Imelda Marcos Schatz an Schuhen auch  Edel-Treter umfasste – können uns aber gut vorstellen, dass Diamanten am Fußriemen den erotischen Reiz insbesondere jüngerer Damen steigern können. 

Havainas sind der letzte Schrei in den eleganten Schuhmodeboutiquen  Manilas. Die brasilianische Firma bietet in über sechzig Produktlinien und zweihundert Farbnuancierungen auch spezielle für den philippinischen Markt gefertigte Treter an. Havainas sind im Prinzip auch Tsinelas, weisen aber auch einen höheren Tragekomfort, eine längere Haltbarkeit und eine pittoreske Farbenvielfalt auf. - Der Ausdruck Tsinelas wird in diesem Zusammenhang vermieden, erinnert er doch an die armseligen Billig-Treter minder bemittelter  Bevölkerungsschichten. Havainas sind  hochstilisierte Markenartikel. Gerne verweist man darauf, dass schon David Beckham oder Gisela Bündchen mit Havainas in der Öffentlichkeit aufgetreten sind. Es gibt im philippinischen Internet Chat-Räume, die sich nur der Diskussion neuer Havainas-Modelle widmen. Ganz Versessene sammeln Havainas wie Briefmarken und ordern neue Modelle per Vorbestellung. 

Tsinelas weisen sicherlich einige praktische Vorzüge auf. In Sekundenschnelle kann man in sie hinein und hinausschlüpfen. Luft kommt an den Fuß. Man kann sie auch leicht in einer Tasche verstecken. Sicherlich lieben die kleinen Buben auch das Geräusch, das sie machen,  wenn die Treter gegen die Fußsohle und Fußboden klatschen. Manchen dieser Buben dürften Tsinelas aber auch in mehr oder minder negativer Erinnerung verblieben sein, gilt ein Schlag mit ihnen auf ein Gesäß hin und wieder auch als probates Erziehungsmittel. Und gibt es ein vortrefflicheres Mittel um Cockroaches oder auch Fliegen zu erledigen als mit einem Schlag mit einem Slipper? 

Den Vorzügen stehen sicherlich auch einige Nachteile gegenüber. Tsinelas geben dem Fuß nur einen ungenügenden Halt. Sie haben wenig Dämpfung und sind in der Regel nicht atmungsaktiv. Schnell kann man sich verstauchen oder bekommt durch das spezifische Abrollen des Fußes eine Sehnenentzündung. Da der Fuß weitgehend offen ist, fängt man sich auch den ganzen Straßendreck ein. Manches junge Mädchen ist pikiert darüber, dass der Nachbar im Jeepney oder in der LRT ihren mit Insektenstichen verzierten Fuß sieht. Manchen (europäischen) Haushältern sträuben sich die Nackenhaare, wenn ihre Hausangestellten allzu sehr mit ihren Tsinelas schlurfen. Billig-Slipper haben überdies eine kurze Lebenserwartung von vielleicht nur einem Jahr. Die Sohle bekommt einen Riss, die Riemen können ausreißen. Der Weg kann nun zu einem Schuhmacher führen oder man kauft sich gleich ein neues Paar.   

Es gibt Tsinelas, die man nur im Haus trägt und wiederum solche, die man auf der Straße oder im Büro trägt. Selbst Bauarbeiter hat man – Sicherheit hin, Sicherheit her - schon in Tsinelas gesehen. Es soll indessen  Schulen mit konservativ-orthodoxem Touch geben, die das Tragen von Tsinelas ihren Schülern verbieten. Ihnen ist wohl nicht bekannt geworden, dass selbst die Staatspräsidentin auf einer Commonwealth-Konferenz Tsinelas trug.  

Die Staatspräsidentin wirbt auch für die einheimische Tsinela-Produktion. Diese ist insbesondere in den Orten Liliw (Laguna-Provinz) und Gapan City angesiedelt. In beiden Orten werden Unmengen von Tsinelas vorwiegend in Handproduktion gefertigt und beide Orte veranstalten jährlich auch „Tsinelas-Festivals“, bei denen die Staatspräsidentin und insbesondere Touristen willkommene Gäste sind.  

Der Autor mag zwar einigermaßen zutreffend über Tsinelas schreiben können, seine Füße haben mit Tsinelas eher trüb-besinnliche Erfahrungen gemacht. Zwar hat die Tita über die ihm zugeeigneten Tsinelas gesagt „Die trägt auch Bruce Lee“, doch kaum hat er sie ein paar Stunden an den Füßen, zeigt sich eine Entzündung im Zehenzwischenraum und es spannt am Rist. Über die wunden Füße gebeugt, beginnt er zu räsonieren: Liegen am Ende die europäischen Zehen zu eng und braucht nicht die große Zehe einen größeren – sagen wir einmal: asiatischen - Spreizabstand?

Entzünden können sich freilich die Zehen erst, wenn man seine Tsinelas in der Menge der anderen Querliegenden gefunden hat. Sie sollten unverwechselbare Fähnchen haben. Und oft findet sich nur ein Slipper. Entweder haben die Kinder dem „dear uncle“ durch Versteckspiele einen Streich gespielt oder wenn der Fall noch besser kommt, dann hat einer der Hunde Herrschaftsansprüche geltend gemacht. 

© Wolfgang Bethge, 2006


P.S. Übrigens wer sich seine eigne Tsinelas zumindest virtuell machen möchte, der sei bezüglich der vielen Gestaltungsmöglichkeiten auf die Webseite „How to make a tsinelas“ verwiesen: http://tsinelas.eerie-silence.net. Hier kann man seine kreative Phantasie ein wenig spielen lassen.