|
Unni Nielsen, Ich bin nur eine Versandhausbraut,
125 Seiten, München 2002 Es wäre schade, wenn die
Restexemplare des Buches in der Papiermühle landen sollten, denn das
Buch der norwegischen Romanautorin hat durchaus schriftstellerische
Qualitäten und
greift überdies ein heißes Thema der „Mail Order Brides“ auf. Das Buch schildert in subjektiver Erzählperspektive
das Leben einer jungen Filipina, die gleich zweimal als „Ding“ verkauft
wird und lange Zeit braucht, um zu einer selbstbewussten Identität zu
finden. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr wohnt sie bei ihrem
Vater in einem kleinen, armen philippinischen Dorf, in dem „der Hunger
der Herrscher ist“ und der bessere Boden sich im Besitz anonymer
Großgrundbesitzer befindet. Der Vater verkauft sie dann an jemanden in
der Stadt. „ Man wird für dich sorgen.“
Als neuer Besitzer stellt sich
der Bordellbetreiber Ramos heraus, für den Maria zunächst nur als Magd
tätig wird. Ramos ist moralisch mit nur wenigen Skrupeln belastet,
dennoch ein gottesfürchtiger Mann. Er beruhigt sein Gewissen dadurch,
dass er seine jungen weiblichen Schützlinge in die katholische
Klosterschule Corazon de Santa Barbara schickt. Wir erfahren nicht, ob
sich die frommen Schwestern („Pinguine mit weißer Brust“) sich
der Herkunft ihrer Zöglinge bewusst sind. Beschrieben wird zumindest
eine überaus provokante, scheinheilige Allianz:
Maria lernt lesen und schreiben und überzeugt im
Schulchor durch ihre Sopranstimme. Die geistliche Musik wird für sie
zunehmend zu einer Gegenwelt, in die sie sich flüchtet. Dies gilt insbesondere für die Zeit, in der sie von
Ramos gezwungen wird, zu ausländischen Kunden „nett zu sein“. Maria fügt
sich fast klaglos in ihr Schicksal. Die Kunden erscheinen gleichartig
und anonym. Sie wollen grundsätzlich nur „sich und ihre Worte in einen
gekauften Körper leeren“ und dann gehen. Bewusst lässt die Autorin bei
der Beschreibung der Vorgänge, in die Maria verwickelt ist, eine
nüchterne Leere. Die erste zarte Liebesbeziehung zu einem norwegischen
Matrosen erweist sich als nur sehr flüchtiges Ereignis. Maria entfremdet
sich zunehmend von ihrem Körper, sie wird gleichgültiger zu ihren
Kunden. Ihr Marktwert sinkt. Bordellbetreiber Ramos hält nun
nach anderen Vermarktungsmöglichkeiten Ausschau. In seinem Auftrag
bietet sie sich nun als „Mail Order Bride“ an. Ein älterer norwegischer
Banker beißt an. Er überweist ein Flugticket und 1000 Dollar Provision.
Maria landet in einer erfrorenen, in Kälte erstarrten norwegischen Stadt. Sie hat das „Gefühl, auf dem Mond gelandet zu sein.“ Ihr neuer Besitzer ist der ältliche, schon längere Zeit allein lebende Banker Jorgensen. Anfänglich fürchtet er, sie könne die Heirat mit ihm ausschlagen. Es dauert einige Zeit, bis sich die beiden sich näher kommen und heiraten. Dennoch sitzt Maria in der Zeit der Abwesenheit ihres Mannes einsam im Haus. Die klassische Musik bietet ihr wiederum eine emotionale Stütze. Erste Freundschaftskontakte mit anderen findet sie dann in einer kirchlichen Chorgemeinschaft, die ihr auch eine Gesangs-Solo-Rolle anbietet. Hier erfährt sie auch, dass auch in Norwegen die Ausweisung droht, wenn die Ehe keine drei Jahre Bestand hat. Als sie eines abends länger ausbleibt, reagiert der Mann eifersüchtig, verliert seine Kontrolle und schlägt sie im Affekt. Danach fühlt er sich schuldig. Die beiden versöhnen sich jedoch wieder. Maria wird schwanger. Und bald kann sie von sich sagen: „ „Ich bin nicht mehr nur ein Ding, das ihm gehört, ich bin eine, mit der er Freuden teilt“. So findet die melodramatische Story des Romans doch noch ein glückliches Ende. Unni Nielsen schreibt eine schöne, einfache Sprache
und nutzt doch die ausgefeilten Techniken der modernen Erzählkunst wie
Rückblenden, innere Monologe oder suggestive Szenarien.
Der Kurzroman hat durchaus einen
aktuellen Zeitbezug. Manchen wird er - gerade in seinem unprätentiösen
Erzählansatz - schockieren.
Andere werden vielleicht einwenden: Na
und - auch Freundschaften leben von einem Austausch von Gefälligkeiten
und in eine deutsche Freundin muss ich im Regelfall auch „investieren“.
Man sollte sich aber stets vor Augen halten, dass die Verhältnisse, in
die Maria gezwungen wird, nur eine demütigende Opferrolle ohne
Auswahlalternative zulassen.
© Wolfgang Bethge, 2007
|