Späte, fast vergessene Widerstandskämpfer gegen die amerikanische Kolonisierung  der Philippinen

1899 hatte der Präsident der ersten philippinischen Republik Emilio Aguinaldo den amerikanischen Invasoren den Krieg erklärt. Seine schlecht bewaffneten Truppen können aber der amerikanischen Großoffensive mit zuletzt 126.000 Soldaten nicht standhalten. Aguinaldo flüchtet in den Untergrund. Im März 1901 wird Aguinaldo festgenommen.

Schon eine Woche später leistet er den Treueeid auf die USA und fordert, seine Kämpfer auf, die Waffen nieder zulegen.  Der anpassungsbereite Aguinaldo verkündigt in diesen Tagen, dass die Freiheit der Philippinen dank der „Großzügigkeit“ der USA kommen werde. Wie wir im Nachhinein wissen - wird diese aber noch weitere 45 Jahre auf sich warten lassen. Die meisten Katipunan-Anhänger folgen dem Aufruf Aguinaldos und kapitulieren. 1901 verkündigen die USA offiziell das Ende des Krieges.

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen finden damit aber noch lange nicht ihr Ende. Immer wieder flammen neue Revolten und Aufstände auf – dies trotz breiter angelegter Befriedigungskampagnen seitens der Amerikaner und einer im Vergleich zur spanischen Kolonialregierung ungleich liberaleren Kolonialpolitik. Die Rebellen kämpfen nun vor allem gegen die philippinische „Constabulary“ (Polizeitruppe), die amerikanischen Anweisungen folgt. In den moslemischen Gebieten des Südens hält der Widerstand gegen die amerikanischen Kolonisatoren sogar bis zum Jahre 1913 an.

Bevor wir uns der Hauptfigur unseres Beitrags, Felipe Salvador zu wenden, sollten wir noch zwei andere Persönlichkeiten kurz streifen, die – zumindest zu ihrer Zeit - gleichfalls als Rebellenführer bekannt waren. Es sind dies Dionisio Magbuelas (Kampfnamen „Papa Iso“) und Macario Sakay.


 Magbuelas alias Papa Isio war ein „Babaylan“, ein politisch-religiöser Führer auf Negros. Er verfolgte schon vor der Revolution insbesondere zwei Ziele - die Befreiung des Landes von Ausländern und die Rückgabe von Grund und Boden an die ursprünglichen Eigentümer, die kleinen Bauern von Negros. Letztere Zielsetzung war klar gegen die Zuckerbarone auf Negros gerichtet. Papa Isio muss auch mit der römisch-katholischen Kirche gebrochen haben, sonst hätte er sich selbst nicht zum „Papa“ (Papst) ausrufen lassen. Von feindlichen Truppen eingezingelt, gibt er seinen Kampf, der zunächst gegen die Spanier, später auch gegen die Amerikaner gerichtet war, erst 1907 auf. Er wird zum Tode verurteilt, später wird die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt. Papa Isio verstirbt 1911 im Gefängnis. 


Macario Sakay (1870 -1907) übte, bevor er sich 1894 der jungen Revolutionsbewegung Katipunan anschloss, sehr unterschiedliche Tätigkeiten aus. Er arbeitete in einer Kutschenfabrik, war Friseur und Schneider und versuchte sich als Schauspieler. Später ist er Kampfgefährte von Bonifacio und Jacinto, gerät aber in Gefangenschaft. 1902 wird er aufgrund einer Amnestie wieder freigelassen. Im Gegensatz zu Emilio Aguinaldo will er den Kampf gegen die amerikanischen Kolonisatoren fortführen.

In den Bergregionen von Luzon ruft er mit Gefährten die „Republika ng Katagalugan“ aus und konstituiert eine Regierung, zu deren Präsidenten er berufen wird. Eine der ersten untergegangenen Republik nachgebildete Verfassung und eine Flagge gehören zum Gerüst der neuen Republik. In einem an ausländische Konsulate gerichteten Manifest erklärt Sakay ausdrücklich, dass er nicht Führer einer der zahlreichen Räuberbrigaden sei, sondern einer veritablen Republik vorstehe. Das Territorium der Republik sei für ausländische Truppen sakrosankt.

Der langhaarige Sakay und seine Gefolgsleute führen einen Guerillakrieg gegen die Amerikaner und deren Hilfstruppen. Auch aufgrund eines als gerecht empfundenen Steuersystems kann die Rebellenführung mit einer breiteren Unterstützung der bäuerliche Bevölkerung rechnen. Sie trägt ihm auch fleißig Informationen über den Gegner zu.  Auch um an Waffen zu kommen, greift man - vorwiegend nachts - polizeiliche und militärische Stützpunkte an. In den Kämpfen wird Sakay mehrmals verwundet. Im Verlauf der Kämpfe sind Tote und Verwundete zu beklagen.

Der militärische Druck auf Sakay seitens des Militärs, der Constabulary und den Philippine-Scouts nimmt zu. Zwei Jahre lang bemühen sich über dreitausend Bewaffnete im Regierungsauftrag vergeblich um die Gefangennahme von Sakay.   

Mitte 2005 kommt es zu einem Friedensgespräch zwischen einem Gesandten des amerikanischen Generalgouverneurs und Sakay. Der Gesandte präsentiert einen Brief, wonach Sakay und seine Gefolgsleute bei einer Kapitulation keine Strafe zu erwarten haben.  Sakay vertraut auf diese Zusage, er verlässt die Berge und begibt sich nach Manila, wo er als populärer Widerstandskämpfer von der Bevölkerung herzlich begrüßt wird.

Kurze Zeit später erhält er eine Einladung zu einem Ball von amerikanischer Seite. Kaum trifft er dort ein, wird er entwaffnet und gefangen genommen. Der Brief, der ihm Straffreiheit versprochen hatte, ist auf einmal unauffindbar. Die Einladung war eine Falle. Sakay wird der Prozess gemacht. Man beschuldigt ihn nun des Banditentums und wirft ihm unter anderem Raub, Vergewaltigung und Mord vor.  Sakay wird zum Tod durch den Strang verurteilt.  Seine letzten Worte auf dem Galgengerüst sind noch überliefer. Sie lauten in deutscher Übersetzung:

„Der Tod kommt früher oder später auf uns alle zu. Ich werde Gott, dem Allmächtigen ruhig begegnen. Aber ich will euch noch sagen, dass wir keine Banditen oder Räuber sind, wie dies die Amerikaner behaupten. Wir sind Mitglieder der revolutionären Kräfte, die ihr Vaterland, die Philippinen, verteidigen! Auf Wiedersehen! Lang lebe die Republik! … Möge unsere Unabhängigkeit in der Zukunft kommen! Auf Wiedersehen! Lang lebe die Republik!“


Wir kommen auf den Protagonisten, die Hauptfigur, unseres Artikels den Rebellenmessias Felipe Salvador (1870 – 1912) zu sprechen.

Man vermutet, dass er der Sohn eines spanischen Mönches war. Schon früh zeigt sich der rebellischer Geist des Barfüßlers Salvador. Er soll Kirchenbesuchern in Baliwag nahe gelegt haben, nichts dem ortsansässigen Priester zu spenden und riskiert so die Exkommunikation, die zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt aus gewichtigeren Gründen dann tatsächlich erfolgt. Kurzfristig bekleidet er ein Gemeindeamt, schließt sich dann aber der von Gabino Cortes geleiteten Gemeinschaft der Gabinistas an. Die Gabinistas repräsentieren eine bäuerlich-religiöse Untergrundbewegung, die in der Nähe des als heilig erachteten Mount Arayat die tiefe Unzufriedenheit der dort ansässigen Bauern aufgreift und die durch radikale Forderungen und kleinere Kämpfe den herrschenden Kreisen mehr als unangenehm auffällt. Der Gabinistensführer Gabino Cortes gerät in Gefangenschaft, er wird nach Jolo deportiert und einige Jahre darauf exekutiert.

Nun ist für den beredsamen, charismatischen Felipe Salvador die oberste Leitungsfunktion frei. Er reorganisiert die Gambanistas und benennt sie in „Santa Iglesia“ um.

Der Kampfruf der verschworenen Gemeinschaft lautet nun - nicht ganz unbescheiden im Hinblick auf die Person von Felipe Salvador - „Viva Jesus Salvador!“ Salvador, der auch den Kampfnamen Apo Ipe trägt, kämpft mit einer religiösen Medaille auf der Stirn und blanker Brust gegen den Feind und gilt als unverwundbar. Von seinen Gläubigen wird er auch „Papst“ oder „Jesus der Erretter und König der Philippinen“ genannt. Salvador, der mit einem langem Gewand und langen Haaren eindrucksvoll und mystisch wie ein Apostel oder Messias vor Dorfbevölkerungen auftritt und dort Rosenkränze verteilt, verkündigt seinen Mitstreitern, wenn sie nur tapfer genug kämpfen und gläubig zur Santa Iglesia stehen würden, dann würde Gott ihre langen Messer, die Bolos, in Gewehre umwandeln. Überhaupt – es sei eine große Flut zu erwarten, die alle Nichtgläubigen vernichten würde. Aber nach der Flut würde es für seine Gläubigen Gold und Juwelen regnen.  Verständlich, dass die katholische Kirche Führung und Mitglieder der Santa Iglesia exkommuniziert. Dennoch - das prophetenhafte Auftreten, das Versprechen einer Landreform und die gute Behandlung der Bevölkerung sichern und gewährleisten dem religiösen Robin Hood beziehungsweise Rebellen-Messias die breite Unterstützung der ansonsten wenig kooperativen, durch verschiedene Sprachen getrennten Bevölkerungen von Bulacan, Pampanga, Tarlac, Pangasinan und Nueva Ecija.

Die Santa Iglesia schließt sich 1898 den revolutionären Katipunan-Truppen an. Präsident Aguinaldo ernennt Salvador zum Korporal. In den Kämpfen um San Luis wird er an beiden Armen verwundet. Salvador findet jedoch kaum Zugang zum inneren Führungszirkel der Katipunan. Er und seine Gefolgschaft bleiben weitgehend isoliert. Antiklerikal gesonnene Katipunan-Verantwortliche werfen den Mitgliedern der Santa Iglesia vor, sie beteten zu viel und kämpften zu wenig. Auch werden die Mitglieder der Illoyalität und der Desertion verdächtigt. Aguinaldo gelingt es schließlich doch, die Risse zu kitten. Salvador wird sogar in den Rang eines Majors erhoben.

Als Aguinaldo und die meisten seiner Generäle 1902 vor den Truppen der amerikanischen Besatzer kapitulieren, setzt Salvador unbeirrt den Kampf fort. Er sucht nicht mehr den offenen Kampf auf breiterer Front, er zieht sich in die Berge zurück und startet von dort durchaus erfolgreiche Guerillaangriffe.  Einmal wird er gefangen genommen. Eine Quelle berichtet, er hätte im Gefängnis den Treueid auf Amerika geleistet. Wie auch immer, es gelingt ihm, aus dem Gefängnis zu fliehen und er nimmt erneut den Widerstandskampf in Pampanga, Nueva Ecija und Bulacan auf.  Auf dem Höhepunkt seines Wirkens wird die Zahl seiner Gläubigen auf 50.000, die Zahl seiner Kämpfer auf 300 geschätzt. Die Zahl der Gewehre soll allerdings sich nur auf 100 Stück belaufen haben.

Ab 1906 werden massiv Truppen der Kolonialmacht mit dem Ziel zusammengezogen, die Widerstandskämpfer der Santa Iglesia in einem „all out war“ endgültig niederzukämpfen.  Das Kopfgeld auf den Kopf von Salvador wird auf 2000 Pesos erhöht und schon damals wendet man die Verhörmethode des „Waterboardings“ an, um unter anderem den Aufenthaltsort von Salvador und seiner kämpfenden Gruppe in Erfahrung zu bringen. Deren Angriffe auf Garnisonen scheitern nun öfters.  Manuel Garcia alias Capitan Tui, ein enger führender Gefolgsmann von Salvador, fällt im Kampf und die langsame Auflösung der Rebellengruppe beginnt.  Lange Jahre gelingt es aber den Regierungstruppen nicht, den Rebellen Salvador zu festzunehmen. 

1910 wird er aber nach einem fast 14-jährigen Kampf gegen die spanischen und amerikanischen Kolonisatoren festgenommen. Man klagt ihn, der sich stets als nationaler Freiheitskämpfer verstand, 1912 vor dem Supreme Court des „Bandolerismo“, des Banditentums und des Terrors an. So unterschiedlich können Sichtweisen sein. Im abschließenden Urteil, das ihn zum Tod durch Erhängen verurteilt, wird aber auch eingeräumt, dass er viel Unterstützung in der Bevölkerung fand.

Felipe Salvador ist sehr gefasst zum Galgen geschritten und soll seine weinenden Anhänger noch getröstet haben. Noch zwanzig Minuten sollen die der Exekution Beiwohnenden vor dem Leichnam gestanden haben. Man überführt den Leichnam zu seinem Haus in Tondo. Kurz vor seinem Haus wurden die Pferde ausgespannt und die Anhänger Salvadors zogen die Kutsche bis vors Haus. So wollte man dem damaligen Volkshelden die letzte Ehre erweisen. Auch Jahre danach konnten viele nicht glauben, dass er tot sei.

von Felipe Salvador sind augenscheinlich keine schriftlichen Bekundungen überliefert. Auch scheint kein größeres Denkmal auf seine Verdienste zu verweisen. Man hat sich in den herrschenden Kreisen offenbar mit dem Urteil von 1912 weitgehend abgefunden. Nur ab und an wird in der Literatur darauf verwiesen, wie wichtig schon ihm eine Landreform war und man sieht in ihm einen Vorläufer der späteren revolutionären HUK und NPA-Bewegung (1).

 © Wolfgang Bethge, in 2010


(1) Who's Who in Kapampangan, in: http://www.oocities.com/athens/academy/4059/famous3.html