Verfügen die Philippinen wirklich über 7107 Inseln?

  

Historische Zählungen und gegenwärtige offizielle Anzahl 

1663 klagt der spanische Priester Francisco Collins in seiner „Labor Evangelica“ (1) darüber, dass man die Zahl der philippinischen Inseln oft nur mit 40 angibt und dabei die vielen anderen kleineren Inseln bei der Zählung außer Betracht lässt. Sie in eine Zählung mit einzubeziehen – so drückt es sein deutscher Übersetzer Probst aus – „alle in ein gewisse Zahl zu verfassen, ein Unmöglichkeit sein will“.

Die Catholic Encyclopedia von 1913 gibt 3141 Inseln an (2). Erica Gruppe-Lörcher zitiert in ihrem 1949 erschienen Buch offenbar eine ältere Quelle  und verweist auf die „etwa viertausend kleinere und größere Inseln“ der Philippinen (3). Der angesehene philippinische Historiker Antonio M. Molina schließlich beziffert in seiner Publikation „The Philippines through the Centuries“ die Zahl der philippinischen Inseln auf  7083 (4). Aktuelle Publikationen über die Philippinen gehen – wenn sie es nicht bei der Formulierung „mehr als 7000 Inseln“ belassen - in der Regel nunmehr von 7107  Inseln der Philippinen aus (5).

Diese Anzahl mag hoch erscheinen. Indonesien soll jedoch 17508 Inseln zählen. Überraschender Spitzenreiter im weltweiten Vergleich  ist jedoch Finnland mit knapp 180.000 Inseln (6)

 „7107“ ist die nunmehr offiziell ausgewiesene Anzahl philippinischer Inseln, viele Autoren übernehmen sie in der Regel ohne weiteres Hinterfragen. Dabei sind Zweifel an dieser mutmaßlich scheingenauen Zahl durchaus angebracht. 

Die Zahl 7107 geht offenbar auf eine Zählung einer Landesvermessungsbehörde von 1939 zurück (7). Wie diese Zahl zustande kam, bleibt unklar und lässt sich – zumindest per Internet - nicht hinreichend überprüfen. Auch der bekannte Geschichtspublizist Ambeth Ocampo kam in seinem Bemühen um die exakte Zahl der Inseln bei seinen Gesprächen mit den Vertretern des National Coast und Geodetic Survey und der National Mapping Agency nicht weiter (8). E-Mail-Anfragen an diese Institutionen blieben unbeantwortet. 

Es gibt im Internet einen vagen, ungesicherten Hinweis, dass man die Zählung anhand von Kartenmaterial vorgenommen hätte (9). Es bleibt die Frage nach der Güte dieser Karte oder Karten. Streng genommen erfordert das Auszählen von Inseln deren Ortsbesichtigung. Denn nach dem allgemeinen geografischen Verständnis der Geografen aber auch der internationalen Seerechts – UNCLOS - Konvention  definiert sich eine Insel wie folgt: 

„Insel ist jedes natürlich entstandenes Land, das von Wasser umgeben ist und bei Flut über den Wasserspiegel hinausragt“. 

Fragestellungen 

Es ist also der Zustand der Meereserhebung bei Flut zu überprüfen. Nun gibt es aber insbesondere in dem an die Philippinen angrenzenden Südchinesischen Meer Hunderte von Inselchen, Atollen, Korallenriffen, Felserhebungen und Sandbänken, bei denen es zum Teil schwierig ist zu prüfen, ob sie der oben genannter Inseldefinition auch bei Flut genügen.  Der Autor verfügt über keinen Hinweis, dass von Seiten der Philippinen eine solch aufwendige Untersuchung im 20. Jahrhundert vorgenommen wurde.  

Fügen wir in diesem Zusammenhang noch an, dass nach obiger Definition auch eine Felsnadel, auf der gerademal eine Möwe sitzen kann, als Insel zählt. Die Flächeerstreckung ist für die Frage, ob es sich um eine Insel handelt, unmaßgeblich. Eine „Exclusive Economic Zone“ (EEZ) gesteht das Internationale Seerecht übrigens nur solchen Felsgebilden zu, die  eine menschliche Besiedlung und ein weitgehend eigenständiges Bewirtschaften erlauben. Diese Kriterien sind sicherlich strittig und auslegungsbedürftig. 

Fernerhin ist zu fragen, von welchem Staatsterritorium der Philippinen die damaligen Inselzähler ausgingen – dem unter Regierungsgewalt stehenden Staatsgebiet oder dem beanspruchten („claimed“) Gebiet.  

Zählte man zum Beispiel die Inseln um Sabah hinzu (10)?  Sabah ist heute ein Bundesstaat von Malaysia. Gegenwärtig melden sich auf den Philippinen aber wieder verstärkt Politiker (u.a. der ehemalige MNLF-Führer Misuari) zu Wort, die ältere historische Gebietsansprüche auf Sabah wieder aufleben lassen wollen (11)

Aufschlussreich wäre auch zu wissen, ob und in welchem Umfang die Zähler von 1939 das Scarborough Riff und die Spratly-Inseln in ihre Aufstellung einbezogen haben. Beide Inselkomplexe gelten als weitgehend unfruchtbar, sind aber bedeutsam wegen der in ihrer exklusiven Wirtschaftszone (EEZ) vermuteten großer Gas- und Ölvorkommen wirtschaftlich sehr bedeutsam.  

Das Scarborough Riff liegt etwa 220 km westlich von Luzon im südchinesischen Meer und umfasst bei einer Insgesamt-Landfläche von nur ca. 150 ha mehrere, in einem Dreieck liegende kleinere Inseln und Atolle. Sowohl die Volksrepublik China als auch die Philippinen erheben auf das Riff Gebietsansprüche. Die Chinesen stützen sich bei ihrer Forderung auf sehr fragwürdige historische Argumente, die sich auf frühe Besiedlungen im 13. Jahrhundert beziehen. 

Auf größere und kleinere Teile der westlich von Palawan gelegenen Spratly-Inseln erheben insgesamt sechs Staaten Anspruch: Taiwan, die  Volksrepublik China (Gebietsanspruch ca. 80 %), Vietnam, Brunei, Malaysia und die Philippinen. Die territorialen Ansprüche  überschneiden sich und die daraus resultierenden Gebietskonflikte haben in der jüngeren Vergangenheit bereits schon zu militärischen Scharmützeln geführt (12).  

Die Philippinen erheben einen territorialen Teilanspruch auf die Spratly-Inseln, genauer – sie beanspruchen die ca. 52 Kleininseln und Erhebungen der Kalayaan-Inselgruppe, die in einem Dreieck westlich von Palawan liegen. Die Philippinen halten  sieben Inseln, die Volksrepublik China 16 Inseln (darunter das Mischief-Reef) militärisch besetzt.

Die Frage, inwieweit die Philippinen ihre Gebietsansprüche in einem bis Mai 2009 zu fertigendem UNCLOS-Dokument dokumentieren, hat die philippinische Politik im Jahre 2008 beschäftigt. Die Opposition, und hier insbesondere der Senator Pimentel, fordern dass in den „Basic Lines“ – den regierungsamtliche Grenzlinien des nationalen Eigengewässers - des Archipels ausdrücklich auch die Kalayaan-Gruppe und das Scarborough Riff eingezeichnet werden, was bislang offenbar bislang noch nicht geschah. Die Regierung ziert sich noch etwas und  erklärt sich bislang nur zu der Formulierung bereit, dass die beiden Inselgruppen unter philippinischer Herrschaft  („regime of islands“) stehen  und ein „standing claim“ erhoben wird. Mit diesen weicheren Formulierungen will man offensichtlich den Handelspartner Volksrepublik China nicht provozieren und sich Verhandlungsoptionen offen lassen (13).

Schließlich ist die 1939 festgestellte Zahl an Inseln unter dem Aspekt möglicher tektonischer Veränderungen zu prüfen. Frühere Inseln könnten sich - im Verlauf von annähernd siebzig Jahren nach der offiziellen Zählung - abgesenkt haben und einstmals überflutete Sandbänke sich zu beständigen Inseln formiert haben. In mittelfristiger Perspektive ist auch der prognostizierte Anstieg des Meereswasserspiegels in Betracht zu ziehen. Er könnte bei Eintreffen des „worst case“ zum Beispiel das sehr flache Tubbataha-Reef gefährden, dessen höchste Erhebung nur zwei Meter beträgt (x). 

Was ist die Quintessenz aus dem Vorgetragenen? Berücksichtigt man die angeführten Bedenken gegenüber der offiziell angeführten Anzahl von 7107 Inseln, erscheint die etwas vagere Formulierung „mehr als 7100 Inseln“ ratsamer. Einige Reiseführer tun dies bereits schon und  nehmen damit mögliche sachliche Einwände vorweg. 

Statistische Anmerkungen zu den kleinen Inseln 

In unserem Beitrag, der nur desk-research beinhaltet, war  wiederholt von kleinen und sehr kleinen Inseln die Rede. Erwähnen wir in diesem Zusammenhang noch, dass 

-         von den „offiziellen“ 7107 Inseln nur knapp 500 über einen qkm groß sind und 

-        die Zahl der bewohnten Inseln in der Literatur zwischen 800 (Hanisch, 1989) und 2000 (Peters, 2005) schwankt. 

-        Der Autor Leo Harting führt in seinem 1978 erschienen Reiseführer aus, knapp 2800 Inseln hätten noch keinen Namen (15). Neuere Publikationen (u.a. Peters) gehen von ca. 2500 namenlosen Inseln aus, wobei zu bedenken ist, dass ein Teil hiervon gleichwohl bei den Fischern einen Namen haben dürfte, der jedoch noch nicht Eingang gefunden hat in offizielle Karten und Listen.   

Hinweis für kaufkräftige Insel-Romantiker 

Vielleicht gibt es unter der Leserschaft auch noch leicht verträumte Inselromantiker, die – wenn nicht das Paradies – so doch eine Resort-Möglichkeit suchen  und im Geld schwimmen. Ihnen sei die Lektüre der nachfolgenden Homepage empfohlen:

http://www.islandsproperties.com/properties/islands4sale.htm

Auf der Seite werden etliche Palawan-Inseln in der Preispanne von 3,3 Millionen  bis 223.000 Euro zum Kauf angeboten. Gelockt wird u.a. mit Korallenriffen, weiße Sandstrände, Kokoshaine, Süßwasser und der Nähe zum Land. Eine Inselschönheit oder gar eine Bier-Pipeline ist in den dortigen Inselangeboten jedoch nicht inbegriffen. 

© Wolfgang Bethge, 2008 


(1) Wir zitieren hier seinen deutschen Übersetzer Pedro Probst. Die deutsche Übersetzung des Buches von Collins trägt den etwas weitschweifigen Titel: „Allerhand so Lehr- als Geist-reiche Brieff, Schriften und Reise-Beschreibungen, welche von denen Missionariis der Gesellschaft Jesu aus beyden Indien, und anderen über Meer gelegenen Ländern, Meistentheils von 1730 bis 1740 in Europa angelanget seynd. Aus hand-schriftlichen Urkunden und anderen bewehrten Nachrichten zusammengetragen von Pedro Probst, einem Priester derselbigen Gesellschaft“ 

(2) Philippine Islands, http://en.wikisource.org/wiki/Catholic_Encyclopedia_(1913)/Philippine_Islands

(3)  Erica Grupe-Lörcher, 4000 Inseln im Ozean, Kassel, 1949, S.3

(4) Antonio M. Molina, The Philippines Through the Centuries,  S.2

(5) Einige Autoren erwähnen auch noch die Zahl von 7108 Inseln und zählen noch eine Insel hinzu, die bei Flut untergeht. Es handelt sich um offenbar um die Insel „Devil´s Island“ im  Komplex der Hundred Islands Group. Weil sie bei Flut untergeht, darf sie jedoch nach der allgemeinen „Insel“-Begriffsfassung der Geographen nicht als Insel gelten.  Sie in die Zahl der Inseln mit einzubeziehen, ist prinzipiell nicht zulässig.

(6)  Vgl.: http:// /wiki.answers.com/Q/Which_country_has_the_most_islands

(7)  Vgl..: Albrecht G. Schäfer, Philippinen, Bremen, 1999; S. 15

(8) Ambeth Ocampo, How many islands does the Philippines have?, Inquirer, 25.07.2007

(9)  http://ph.answers.yahoo.com/question/index?qid=20080729173922AAq3I0t

(10)  Von der an der nordöstlichen Küste der Insel Sabah gelegenen Insel Sipitan wurde 2000 das Ehepaar Wallert

von Mitgliedern der Abu Sayyaf entführt.

(11)  Al Jacinto, Malaysia furious over renewed Sabah claims,

 in: http://www.manilatimes.net/national/2008/may/28/yehey/prov/20080528pro1.html

(12) Weitergehendere Ausführungen finden sich in meinem Artikel: Der Wettlauf der südostasiatischen Staaten um die Spratly- Inseln, http://bethge.freepage.de/spratlydeutsch.htm

(13)Vgl.: Neal Cruz, Spratlys deal jeopardized Philippine territory, security, in: Philippine Daily Inquirer, 11.03.2008

(14) WWF, Climate Change Scenarios for the Philippines,

 http://209.85.135.104/searchq=cache:i7t3LLYi450J:www.cru.uea.ac.uk/~mikeh/research/

philippines.pdf+prognosis+climate+change+philippines&hl=de&ct=clnk&cd=5&gl=de15)  Al Wolf Leo Harting, Philippinen, München, 1978, S. 21