Warum nicht in Ziegen investieren?

 

In dem philippinischen Volksmärchen „The Adventures of Juan“ (1) wird der etwas faule und träge Juan von seinem Eltern in den Wald geschickt, um Feuerholz zu holen. Als er einen Baum fällen will, spricht dieser zu ihm: “Wenn du mich nicht fällst, dann schenke ich dir eine Ziege, die aus ihren Barthaaren Silber schütteln kann“. Und Juan kommt tatsächlich in den Besitz dieser vielfältigen Reichtum versprechenden Ziege.

Heutzutage sind die Aussichten, Juans Silberziege (Tagalog: Kambing) zu begegnen, wohl eher nicht gegeben. Möglicherweise lohnt es sich aber, der Frage nachzugehen, ob die Haltung von Ziegen nicht auch wirtschaftliche Vorteile bringen könnte, findet sich doch in den Medien ab und an die Behauptung, dass die Ziegenzucht auf den Philippinen eine „sunshine industry“, eine Branche mit glänzenden Zukunftsaussichten, darstelle.

Marktaspekte

Pah – möge einige einwenden.  Wie kann das sein? Es werden doch circa 14 Millionen Schweine auf den Philippinen gehalten (2). In fast jedem Hinterhof suhlt sich eine Sau. Auch ist die Zahl der Ziegen mit annähernd vier Millionen zunächst beeindruckend (3). Wo soll da die Nachfragelücke oder Marktnische sein?

Wenden wir uns zunächst dem Schweinefleischkonsum zu. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch auf den Philippinen lag 2007 bei durchschnittlich 3,6 kg (2), demgegenüber konsumierten die Deutschen 55,8 kg (4). Selbst wenn man den reichlichen Fisch- und den übrigen Fleischkonsum auf den Philippinen zuaddiert, zeigt dieser Zahlenvergleich, dass der philippinische Fleischkonsum grundsätzlich steigerungsfähig ist und von einem größeren Nachfragebedarf nach Fleisch auszugehen ist.  Die Angebotslücke könnte – sofern man nicht auf relativ teure Fleischimporte zurückgreift - durch eine Erhöhung der inländischen Schweine- oder Rinderproduktion geschlossen werden. Die philippinische Rinderzucht in größerem Maßstab steht jedoch noch ziemlich am Anfang. Da die Rinderzucht größere finanzielle Investitionen, mehr Futteraufwand, bestimmte klimatische Voraussetzungen und im Falle des Wasserbüffels bei angestrebter Milchwirtschaft die Einkreuzung mit anderen Rassen erfordert, sollten andere Alternativen wie zum Beispiel die Schafs- und Ziegenzucht geprüft werden.

Die Notwendigkeit der Suche nach anderen Alternativen ergibt sich auch aus der Tatsache, dass die Philippinen derzeit nur etwa ein Prozent der vermarkteten Milchmenge selbst produzieren.  Die Ziegenhaltung bietet sich sowohl bei der Fleisch- und Milchproduktion als ein Lösungsweg an.

Ziegenrassen

Wer optimale Erträge erzielen will, sollte jedoch nicht auf die einheimische Zwergziege (Capra aegagrus hircus) zurückgreifen. Sie ist zwar weitgehend klimaresistent und gilt als robust. Das kleinwüchsige Tier bringt jedoch im Erwachsenenalter nur 20 - 30 Kilogramm auf die Waage und die tägliche Milchmenge von knapp einem halben Liter reicht oft nur für die Aufzucht des eigenen Wurfes. Besser sieht es bei importierten Ziegenrassen aus. Es kommen insbesondere folgende Rassen in Betracht. (Die Zahlen beziehen sich auf reinrassige Ziegen):

die Anglo-Nubian Ziege:  Diese Ziege kommt sowohl für die Fleisch- wie Milchproduktion in Betracht. Erkennungsmerkmale sind u. a. lang herunterhängenden Ohren, ein schwarz-braunes Fell und der langgestreckte Körper. erwachsene  Ziege erreicht ein Körpergewicht von 70 - 90 Kilogramm und produziert zwischen 1 – 2 Liter Milch am Tag. Sie kann im Zweijahreszeitraum dreimal werfen, eignet sich also gut für die Aufzucht.

► die Saanen-Ziege: Die weiße, 70 Kilogramm erreichende Ziegenrasse  kommt ursprünglich  – wie die seltener anzutreffende Toggenburg- und Alpine-Rasse - aus der Schweiz und ist mit knapp zwei Litern pro Tag der ideale Milchproduzent. Das durchschnittliche Körpergewicht liegt bei 70 Kilogramm. Sie liebt insbesondere frisches Futter. Das Landesklima bereitet ihr gewisse Anpassungsschwierigkeiten.

► die Boer-Ziege: Ihr  Kopf ist in der Regel schwarz-braun, die Körperfarbe weiß. Im Erwachsenenalter kann sie um die 90 Kilogramm schwer werden. Sie gilt als die Fleischziege.

Preise

Sprechen wir von Preisen. Sie sind u. a. vom Geschlecht, der Rasse, der Rassenreinheit, dem Lebensalter und der Region abhängig und können stärker als hier angegeben variieren. Es gibt einen Edelzüchter in der Provinz Laguna, die Alominos Goat Farm mit annähernd 1000 Ziegen. Sie verlangt aktuell für einen reinrassigen Boer-Bock circa 15.000 Pesos (~ 230 €), eine Boer-Ziege liegt bei 31.500 Pesos (~ 485 €). Ist die Ziege trächtig, steigt der Preis auf 35.000 Pesos, hat sie zusätzlich ein beziehungsweise zwei Zicklein, so klettert der Preis auf 40.000 (45.000) Pesos (5). Es finden sich aber im Internet auch preiswertere Angebote für andere reinrassige Ziegen und insbesondere für Kreuzungen. Der Preis für ein Kilogramm Ziegenfleisch liegt etwa bei 120-180 Pesos (6). Die oben erwähnte Alominos Goat Farm verkauft Ziegenmilch in Dosen und verlangt zum Beispiel für einen Viertelliter 40 Pesos (5). Kuhmilch ist preiswerter.

Etwas Biologie

Ziegen sind Paarhufer, Wiederkäuer und Vegetarier. Sie können sehr zutraulich werden, gehorsam sind die individualistischen Tiere jedoch nicht unbedingt. Die Frage, ob Ziegen - wie die Fama behauptet - mit dem Teufel im Bund stehen, kann ihnen sicherlich ihr Seelsorger beantworten.

Nach 10-12 Monaten werden Ziegen geschlechtsreif. Sie können zumindest jedes Jahr ein Junges werfen, im Vergleich zu anderen Wiederkäuern vermehren sie sich also relativ schnell. Nicht alle Ziegen stinken, wie es manchmal dargestellt wird. Das trifft im Wesentlichen nur auf die erwachsenen Böcke zu. In der Brunstzeit verstärkt sich der Geruch der Böcke, wenn sie ihren Urin auch auf Bart und Fell verteilen, um noch mehr Eindruck auf die Damenwelt zu machen. Ziegenmist gilt übrigens als gutes und preiswertes Düngemittel. Es wird behauptet, dass der Dung auch als biologisches Abschreckungsmittel zum Beispiel gegen Termiten, Rüsselkäfer und Milben taugt. Die allgemeine Lebenserwartung von Ziegen liegt bei 8 – 12 Jahren. Auf den Philippinen ist bei nassem Wetter und unhygienischen Haltebedingungen mit einer höheren Sterblichkeit insbesondere wegen Lungenentzündungen sowie Wurm- und Parasitenbefall zu rechnen.

Milch und Fleisch

Die aromatische, manchmal auch als streng und herb empfundene Ziegenmilch ist proteinreicher als Kuhmilch und enthält weniger Milchzucker. Die Fettkügelchen sind kleiner, dies steigert die Bekömmlichkeit. Ziegenmilch kann Ersatzmilch für Personen sein, die allergisch auf Kuhmilch reagieren. Aus der Milch lassen sich auch Käse und Joghurt herstellen. Man kann sie bei der Herstellung von Seifen und Körperlotions einsetzen. Es dürfte heutzutage keine Schwierigkeiten bereiten, pasteurisierte Ziegenmilch in den Supermärkten von SM und Robinson in und um Manila zu bekommen.

Das Vorurteil, dass Ziegenfleisch immer zäh, riechend und streng im Geschmack sei, wird von Experten zurückgewiesen beziehungsweise nur älteren Tieren zugeschrieben. Das Fleisch ist cholesterin- und fettarm und enthält viele ungesättigte Fettsäuren, wertvolle Mineralien und Spurenelemente. Der Geschmack des Fleisches erinnert etwas an Hammelfleisch. Es wird manchmal als etwas trocken empfunden. Nach Expertenansicht liefern die 3-5 Monate alten Lämmer das beste, zarteste Fleisch. Eine Spitzenkoch bemerkte einmal: „Spätestens wenn der Bock einmal gesprungen ist oder die Ziege milcht, ist es mit der Fleischqualität vorbei“. Diese Ansicht wird jedoch nicht von allen geteilt. Die Art der Zubereitung sei für die Zartheit des Fleisches mitentscheidend.

Auf den Philippinen findet man Ziegenfleisch insbesondere in Gestalt der „Caldereta“-Eintopfgerichte, die es in vielen Variationen zumeist aber mit Tomatensoße gibt. Bekannt ist auch „Goat kinilaw“, eine Speise aus mariniertem Fisch- und Ziegenfleisch. Ziegenfleisch ist insbesondere für Moslems interessant. Schon plant ein Unternehmen, Ziegenfleisch in Dosen in Länder des Vorderen Orients zu exportieren (7).

Haltung und Futter

Auch auf den Philippinen ist die Ziege vor allem die “Kuh des armen Mannes”. Es gibt nur eine Handvoll kommerzieller Großfarmen. Weit über neunzig Prozent der Ziegen werden als Einzeltiere oder in Kleingruppe von Bauern im Garten oder Hinterhof gehalten. Die Anfangsinvestitionen sind eher gering. Sofern man nicht ganz auf die besser kontrollierbare Stallzucht abstellt, benötigt man nur eine kleine Auslauffläche, einen Ziegenstall und Futtermaterial. Ein trockener, gut drainierter Ziegenstall ist notwendig, denn Ziegen vertragen Nässe und Regen im Allgemeinen nicht gut. Plant man in größeren Dimensionen, wird man sich Gedanken über geeignete Futtergestelle, Belüftung, Entmistung und die Wasserversorgung machen. Bei Weidehaltung braucht man unter anderem Zaunmaterial, Futtertröge und eine Wasserpumpe. Man sagt, dass eine Viertel Hektar Weide für sechs Ziegen und einen Bock ausreichend ist.

Die Ziege ist etwas wählerisch in ihrem Geschmack. Sie ist kein Schwein, das mit Küchenabfällen zufrieden zustellen ist. Sie liebt frisches Grass (Para- und Napier), Unkräuter und die Blätter bestimmter Bäume und Sträucher (Alibangbang, Indigofera, Kakawate, Ipil-Ipil, Madre de cacao) sowie Reiskleie und Kopramehl. Je besser eine Ziege gefüttert wird, desto mehr Milch wird sie liefern. In den trockenen Monaten und bei größerem Ziegenbestand muss man unter Umständen auf Silage und Pellets zurückgreifen. Futtermittelpellets mit allen notwendigen Zusatzstoffen werden mittlerweile auch auf den Philippinen angeboten (8). Die Futtermenge, die man in der Regel für eine Milchkuh täglich aufwenden muss, reicht übrigens für sechs bis sieben Ziegen.

Merken wir am Schluss an, dass dem Verfasser einmal ein Ziegenfleischragout schier im Hals stecken blieb, als er es auf Cebu zu verzehrten begann und im selben Moment zart blökende Zicklein in die Restaurantküche getrieben wurden. Das Messer wartete auf sie. So liegen Genuss und Leid oft beieinander.

© Wolfgang Bethge, 2009


        (1) Kern Carla Bayliss, Philippine Folk-Tales, Boston, 2007, S. 87

(2) Vgl. The Pig Site, Philippines - Livestock and Products – 2009, in: http://www.thepigsite.com/articles/2666/philippines-livestock-and-      products-2009

(3) Securing a goat industry for the Philippines, in: http://www.aciar.gov.au/publication/IAFS04

(4) Deutschland liegt im Schweinefleischkonsum auf Platz 1, in: http://www.shortnews.de/start.cfm?id=218364

(5) http://www.alaminogoatfarm.com/Pages/Goats-ForSales.asp?pid=6&f=B&fbid=1

(6) Vgl. : http://entrebankph.com/goat-raising-a-sinshine-industry/

(7)  Agro Business Week, Firm Creates Market for Processed Goat Meat, in:

       http://www.agribusinessweek.com/firm-creates-market-for-processed-goat-meat/

       (8) CLSU machine can pelletize goat food, in: The Philippine Star, November 01, 2009