Die Zobel-Dynastie

 

 

Schlägt man philippinische Gazetten unter den Rubriken Unternehmensnachrichten oder High Society auf, begegnet man häufiger dem Namen Zobel in allerlei Variationen. Der wenig spanisch, eher deutsch anmutende Name macht neugierig und wirft die Frage nach den Ursprüngen und der Entwicklung dieser das philippinische Wirtschaftsleben maßgeblich prägenden Familien- und Wirtschaftsdynastie auf. Einige herausragende Familienvertreter sollen hier kurz skizziert werden.

In der Tat ist der Name deutschen Ursprungs. Den aus Hamburg stammende Apotheker Johannes Andreas Zobel treibt es in den dreißiger Jahren "hinaus" in die Ferne. Er landet in Manila und wird zunächst nur als Apothekengehilfe tätig. Später kauft er diese Apotheke ("Botica Zobel") auf und erweitert sie. Ein chemisches Labor kommt hinzu ,außerdem wird er sich an der Ausbeutung von Eisen- und Kupferminen in Bulacan und Baguio beteiligen. Er heiratet die schöne und anmutige Spanierin Ana Zangroniz y Arrieta, Tochter eines hohen Richters. Die Heirat bahnt ihm den Weg in die Oberschicht. Aus der Ehe gehen zwei Töchter und der einzige Sohn Jacobo hervor. Die Ehefrau verstirbt schon mit 28 Jahren. Zurück bleiben noch junge Kinder.  

Der Vater entschließt sich seinen Sohn Jacobo Zobel Junior (1842–1896) 1848 noch im Kindesalter auf eine Privatschule in Hamburg zu schicken. Er macht dort die mittlere Reife und seine Fremdsprachenbegabung dokumentiert sich schon früh in guten Noten im Griechischen und Lateinischen. Erst 1858 reist sein Vater aus Manila an und der Sohn wird zum weiteren Studium nach Madrid geschickt. Ab diesem Zeitpunkt baut sich in der Familie ein zeitgeschichtlich durchaus verständlicher und über Generationen sich erstreckender, intensiver kultureller Bezug zu Spanien auf, während die deutschen Rückbindungen an Bedeutung verlieren. Noch lassen sich jedoch blaue Augen und blonde Haare in der Familiensippe (zum Beispiel bei Enrique Jacobo Zobel) antreffen, die aber auch baskischen Ursprungs sein können.

Jacobo junior absolviert ein Studium generale in Madrid und erwirbt dort einen Abschluss als Pharmazeut. Seine Wissbegier geht aber weit über die Pharmazie und Medizin hinaus. Er ist außerordentlich sprachbegabt und soll in elf Sprachen, unter anderen im Schwedischen, Russischen, Arabischen, Etruskischen und Chaldeischem zu Hause gewesen sein. Ein deutscher Professor in Madrid begeistert ihn für die Numismatik. Don Jacobo sammelt ab hinfort insbesondere antike Münzen und veröffentlicht auch Fachartikel in spanischen und deutschen Fachzeitschriften.

Nach 15-jähriger Abwesenheit kehrt der hoch aufgeschossene junge Mann 1866 nach Manila zurück und übernimmt als 24-Jähriger kurzfristig die Führung der väterlichen Apotheke. Manila zählte damals nur etwa 200.000 Einwohner. Ein Jahr zuvor war der Vater auf einer Schiffsreise nach Europa verstorben. Die Zobels gelten schon als vermögend. Zu einem weiteren Kapitalzuwachs kommt es durch die Heirat mit Trinidad Ayala y Roxas. Trinidad ist die Tochter einer reichen baskisch-philippinischen Familie, die ihr Geld - hier vergleichbar mit der amerikanischen Kennedy-Familie - insbesondere mit alkoholischen Destillaten machte. Die Brennerei ist die Keimzelle des heute weit verzweigten Ayala-Konzerns. Jacobo Zobel wird Kapitaleigner und tritt in die Geschäftsführung ein.

Seine wirtschaftlichen Aktivitäten sind breit gefächert. Erwähnt sei hier nur, dass er die beiden ersten Stahlbrücken in Manila bauen lässt und erstmals Fahrräder und Schreibmaschinen aus Deutschland in die Philippinen importiert. Sein Name ist auch verknüpft mit dem ersten öffentlichen Verkehrsnetz – einer Pferdebahn - in Manila. Fünf Strecken werden bedient. Die Wagen können bis zu zwölf Passagiere fassen und kennen eine erste und zweite Klasse. In seinen späten Lebensjahren ist er Mitbegründer der Banco Espanol Filipino. Eifer und Durchsetzungskraft bestimmen den Arbeitsstil von Don Jacobo. Er gilt als arbeitsbesessen, das verbreitete „dolce far niente" prangert er an.

Jacobo ist ein multikultureller Philanthrop. Er korrespondiert u.a. mit dem dänischen Märchenschriftsteller Andersen und übersetzt landwirtschaftliche Fachartikel. Er trifft sich mit dem Philippinenforscher Jagor und sammelt für Virchow Schädel und Skelette. In seinem von der katholischen Kirche überaus kritisch betrachteten Freimaurerkreis englischer Provenienz und anderen Freundeskreisen fördert er philippinische Talente aus der Kulturszene. Der damalige deutsche Konsul in Madrid hatte übrigens eine andere Loge begründet, die indes Spaniern und Halbspanier kaum Zugang gewährte.

Schon in jungen Jahren wird er Stadtrat. Er setzt sich insbesondere für den Ausbau des öffentlichen Schul- und Bibliothekssystem ein. Durch Baumanpflanzungen stellt er sich der Daueraufgabe, Manila schöner zu gestalten. Darüber bemüht er sich um einen stärkeren philippinischen Einfluss in der spanischen Cortes.

Welches Bild hatte er von den Filipinos? "Sie sind friedfertige, glückliche Menschen, die, ganz anders wie die Chinesen, mehr Sinn für die Freude und Schönheit als für den Nutzen haben ... Sie arbeiten gerade so viel, als noth thut, oder ein klein wenig mehr, und der kleine Überfluß wird für prächtige Kleidung, Festlichkeiten, Raketen und dergleichen verwendet .... Sie haben fast nichts zu lesen außer ihren Gebet- und Beichtbüchern und einigen Heiligenschriften. Wie viel könnte man aus ihnen machen, wie ihre Bildung heben!" Sie spanischen Gouverneure und Beamten wiesen oft wenig Verwaltungserfahrung auf. "Alle ducken sich vor der Gewalt der Geistlichkeit. Wir haben von Ordensgeistlichen Dominicaner , die gelehrteren, Augustiner, die weltlicheren, Recoletos oder barfüßige Augustiner, die brutalsten, und Franziscaner, die dümmsten und schmutzigsten ... Die Geistlichkeit beherrscht das Land, saugt die armen Eingeborenen aus und gewinnt aus unermesslichen Haciendas (Pachtgütern) Millionen, die sie in fremden Banken aufstapeln." (1) 

1874 bezichtigen ihn die spanischern Kolonialverwalter im Zusammenhang mit dem Cavite-Aufstand des Filibustiertums (Unterstützung der philippinischen Unabhängigkeits-bestrebungen). Die Deutschen waren den Spaniern zu diesem Zeitpunkt durch die immer wieder auftauchenden deutschen Handels- und Kriegsschiffe überhaupt verdächtig. Anzumerken ist, dass Jacobo schon spanischer Staatsangehöriger und nur "Sohn eines Deutschen" ist.  Sechs Monate sitzt er - der liberale Freimaurer und große Bismarck-Verehrer - in einem Gefängnis ein, wird später jedoch aufgrund einer Intervention von Reichskanzler Bismarck frei gelassen. Dessen ungeachtet wird er später Mitglied der königlichen Akademie in Madrid. Sein durch ein Darmleiden bedingter Tod mit 54 Jahren löst auch in Madrid 1896 tiefes Bedauern aus. Hermogenes E. Bacareza schreibt in seiner Geschichte der deutsch-philippinischen Beziehungen, dass der wenig bekannte Jacobo durchaus mehr Beachtung verdient hätte (2).

Aus der Ehe mit seiner Frau Trinidad gingen insgesamt fünf Kinder hervor. Zwei Kindern ist trotz der Nähe zur damals verfügbaren Medizin nur ein sehr kurzes Leben beschieden. Vom ältesten Sohn Fernandes (1876 – 1949) ist nur bekannt, dass er den späteren Präsidenten Aquinaldo aktiv unterstützte.

Es ist insbesondere der Sohn Enrique – der voller Name ist Enrique Zobel de Ayala (1877 – 1943) - der stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Er erwirbt in Madrid den „Bachelor of Arts" und studiert danach in Paris Bergbau, Ingenieurswissenschaften und Malerei. Zurückgekehrt nach Manila, tritt er als Geschäftsführer in das Familienunternehmen ein.

1901 heiratet er seine Cousine Consuelo Roxas de Ayala. Aus dieser ersten und sehr kurzen Ehe – Consuela wird Opfer einer Cholera-Epidemie – gehen drei Kinder hervor. Mit 33 verheiratet er sich ein zweites Mal. Seine zweite Frau, Tochter eines spanischen Admirals, bringt vier Kinder zur Welt.

Enrique konsolidiert das väterliche Unternehmen und expandiert in viele andere Bereiche: den Pharmasektor, den Porzellan- und Glassektor, den Banken- und Versicherungsbereich, den Bauplanungs- und Immobiliensektor sowie in den Rohrzuckeranbau. Aus ursprünglichen Reisfeldern entwickelt er das heutige Geschäftszentrum von Manila Makati.

Dem neuen „pax america" steht er reserviert gegenüber. Er verteidigt das Erbe des spanischen „Mutterlandes" und ist insofern ein Konservativer. Zur Pflege der spanischen Sprache, die er zum Beispiel für die Lektüre von Rizals Schriften als unverzichtbar erachtet, gründet er eine eigene Schule, die „Premio", die noch heute die ursprünglichen Zielsetzungen pflegt. Er versteht sich als Philanthrop und unterstützt den Bau des Nationalmuseums und des Metropolitan Theaters. Nebenher publiziert er noch Essays und Wirtschaftsartikel.

Enrique gehört zum Spanischen Club, einer Vereinigung, die insbesondere auf den Philippinen geborene reiche und einflussreiche Spanier als Mitglieder hat. Dem neuen amerikanischen Commonwealth begegnet man mit Vorbehalten. Neue Leitfigur im Spanischen Club wird in den dreißiger Jahren Generalissimo Franco. Enrique gehört neben Soriano zu den stärksten Befürwortern der Falangisten. Es ist wenig bekannt, dass es noch 1940 in Manila Aufmärsche wie im Dritten Reich gab - mit Uniformen, Fahnen, Bannern und zum Gruß gestreckten Armen. Die damalige Regierung Quezon, der Enrique auch zuarbeitete, zeigte sich von diesen Aufmärschen jedoch relativ unbeeindruckt.

Enrique hatte insgesamt acht Kinder und jetzt verzweigt sich der Familienstammbaum etwas stärker. Sein Sohn Jacobo nimmt am Todesmarsch von Bataan teil und wird von den Japanern inhaftiert. Nach Kriegsende wird er Berater der Präsidenten Quirino, Roxas und Magsaysay. Sohn Alfonso ist der Vater von Jaime Zobel, der später als CEO die Geschicke der Ayala Company leitet. Tochter Mercedes heiratet den amerikanischen Geheimdienstoffizier Mc Micking aus dem Stabe General Mc Arthurs. Mc Micking wird nach dem Krieg eine wichtige Stütze der Familie in dem sich immer stärker diversifizierenden Unternehmen.

Tochter Consuelo aus zweiter Ehe heiratet den damals jüngsten 4-Sterne General Amerikas James Alger. Nach dessen Pensionierung siedelt sie 1970 nach Hawaii um. Sie ist stark katholisch geprägt und stellt ihr späteres karitatives Wirken ganz unter die Worte der Heiligen Theresia. 1987 gründet und finanziert sie ein Hilfswerk zur Unterstützung von Straßenkindern in Manila.

Auch Sohn Fernando (1924 – 1984) aus zweiter Ehe erreicht als Künstler einen höheren Bekanntheitsgrad. Er besucht die Grundschule in Spanien, muss aber wegen des spanischen Bürgerkrieges auf die Philippinen zurückkehren. Er erlebt jung die japanische Besetzung und muss ein Jahr wegen eines Rückenleidens das Bett hüten. Ab diesem Zeitpunkt beginnt er zu malen. Nach Kriegsende studiert er in Spanien und an der Harvard University. Er tritt in die Unternehmensführung des Ayala-Konzerns ein, dokumentiert parallel dazu aber schon in Ausstellungen sein künstlerisches Talent. 1960 wird er hauptberuflich Maler. Er residiert vorwiegend in Spanien. Sein zunächst figürliches Malen wird zusehends abstrakter. Grafische und kalligraphische Elemente ziselieren abstrakte, etwas nebelhafte Grundstrukturen. Er gründet in Cuenca in Spanien das Museo de Arte Abstracto Espanol. Geschätzt wird nicht nur sein freundliches Wesen, einer seiner Kommentatoren vergleicht sein künstlerisches Wirken sogar mit einem „hellen, blendenden Kometen am Kunsthimmel der Philippinen".

Aus der nächsten Generationenfolge ragt Enrique Jacobo Zobel (*1920) und Jaimes Zobel (*1921) heraus.

Über den etwas einzelgängerischen, teilweise nonkonformistischen Enrique Jacobo Zobel – Kurzname „Enzo" – weiß man aufgrund von Interviews, die er gegeben hat, wesentlich mehr. Und vielleicht wird sich sein Bild und seine Tätigkeit durch die von ihm angekündigte Biografie noch weiter aufhellen.

Zunächst einmal ist er als Einzelkind der verwöhnte Spross einer superreichen Familie, dem es an nichts fehlt und der in Manila die amerikanische Schule besucht. Aber diese angenehme Leben wird durch die japanische Besetzung und die Inhaftierung des Vaters jäh unterbrochen. Plötzlich muss er sich als Vierzehnjähriger um die Familie kümmern. Und so kommt es, dass er für zwei Jahre sich als Kutscher (!) in Manila verdingt. Später ist er für Japaner als Spanischlehrer tätig und es gelingt ihm in dieser Zeit den stark abgemagerten Vater aus der japanischen Gefangenschaft heraus zu holen.

Nach Kriegsende ist er als Motorenmechaniker bei der amerikanischen Armee tätig. Sein Taschengeld war bei einem Stundenverdienst von etwas mehr als zwei Pesos und einer „Ganta" Reis pro Tag sehr knapp. Er entschließt sich später, nach Amerika zu gehen und Landwirtschaft zu studieren. Abends verdingt er sich um, eigenes Geld zu verdienen, wiederum als Motorenmechaniker bei General Motors.

Schließlich wird ihm durch seinen Onkel Joseph McMicking eine Leitungsfunktion zunächst im Fuhr- und Nutzfahrzeugbereich des Familienunternehmen Ayala angeboten. Sein Landwirtschaftsstudium kann Enrique mehr oder weniger abschreiben. Er ist zunächst für den Onkel, der auch sein Lehrmeister ist, tätig. Sein Hauptaufgabenfeld ist der Bau- und der städteplanerische Sektor. Das Geschäftszentrum Makati und die Forbes Park Subdivision wird unter seiner Regie entwickelt. Enrique kauft landwirtschaftliche Grundflächen – wie er sagt - für gutes Geld auf und verkauft diese nach ihrer Erschließung für noch besseres Geld an Geschäftsleute weiter.

Sein Kompetenzbereich weitet sich in den folgenden Jahren in andere Branchen aus und er wird 1968 Vorstandsvorsitzender der Ayala Company. Auch ihn zeichnet eine eiserne Arbeitsdisziplin aus. Oft sitzt er schon um sieben Uhr morgens am Schreibtisch. Angestellte, die erst um zehn Uhr kommen, hat er angeraunzt. In den früheren achtziger Jahren kommt es mit dem Cousin Andreas Soriano Jr. zum heftigen Streit über wichtige Anteile an der San Miguel Corporation, dem großen Bier- und Nahrungsmittelkonzern auf den Philippinen. Enrique verkauft zornig die Familienanteile an den Marcos-Günstling Eduardo „Danding" Cojuangco Jr. weiter, hat sich aber nicht sonderlich bei seinem Familienclan - u.a. vertreten durch die Tante Gloria, auch „Königinnenwitwe" genannt – rückversichert und verliert seine Posten im Ayala-Konzern.

Aber Enrique ist unternehmerisches Urgestein und baut eigene Geschäftsfelder im Bausektor auf. Für den Sultan von Brunei baut er zum Beispiel einen der größten Paläste der Welt.

Seine Geschäftstätigkeiten hat er auch als Spiel bezeichnet, das seinem Lieblingssport, dem Polo, vergleichbar sei. Als ausgewiesener Polo-Spieler und Milliardär kennt er auch alle renommierten Poloplätze der Welt und fliegt diese als Pilot in eigener Maschine an.

Stute „Juanita" wird ihm 1991 jedoch zum Verhängnis. Sie wirft ihn ab und es wird für ihn schlicht „finster". Ärzte rechnen mit seinem kurzfristigem Ableben, er kann sich fast ein Jahr an nichts erinnern. Als er aus dem Koma aufwacht, ist er vom Halswirbel ab gelähmt und auf den Rollstuhl und Bewegungstherapeuten angewiesen. Trotz seiner schweren Behinderung bereist er noch immer andere Länder wie zum Beispiel Spanien, um seine wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ordnen. Seine geistige Vitalität und Lebensfreude ist ungebrochen.

Politische Vorgänge kommentiert er sehr offen und direkt. Ex-Präsident Estrada habe von seinen Beratern nur „Dreck" (garbage) gehört. Die jetzige Präsidentin Macapagal-Arroyo, die er von Kind an kenne, verschließe sich weitgehend der Kritik und wolle nur noch „gute Dinge" hören. Einem Teil der philippinischen Wirtschaftsführer wirft er mangelnde Kreativität vor, sie hätten nur eine nur eine Sari-Sari-Mentalität und kopierten oft nur das Ausland.

Eine Sternstunde – tatsächlich waren es mehrere Stunden - hatte Enrique 1992 als er im Rollstuhl auf Hawaii vor dem „Blue Ribbon-Auschuss" des philippinischen Senats zur Person und zum Vermögen von Ex-Präsident Marcos aussagte. Enrique war Marcos in kritischer Freundschaft verbunden. Die wirtschaftlichen und politischen Elitengruppen sind ja auf den Philippinen seit jeher eng aufeinander bezogen. Er kannte über den Makati-Business-Club Marcos Betrügereien, Schwächen und Fehler – glaubte aber zur damaligen Zeit noch an den Reformwillen des kränkelnden Marcos. Nun sollte er mithelfen, die „Büchse der Pandora" zu öffnen. Der Autokrat Enrique behauptete unter anderem:

Marcos habe zum Zeitpunkt seines Exils auf Hawaii nachweislich über   Goldbarren, Goldzertifikate und Schatzanweisungen im Wert von über 100 Milliarden Dollar verfügt. Sein Vermögen sei in mehreren Ländern ( u.a. der Schweiz und der Vatikanstadt) angelegt. Ein guter Teil des Vermögens – so sei ihm persönlich von Marcos versichert worden – stamme von Nazigold, das die Japaner in den Philippinen zu Kriegszeiten versteckt hätten (2). Marcos selbst hätte seine Reichtümer vor seiner Familie verborgen. Das angehäufte Vermögen gestatte es, alle Schulden des Landes zu tilgen. Wären Zinsausschüttungen möglich, so könne jeder Filipino 2000 Dollar erhalten. Die damaligen Gefolgsleute von Marcos wie Fidel Ramos, Ponce Enrile oder Fabian Ver hätten für ihre Dienste jeweils Goldbarren im Wert von einer Million Dollar bekommen. Andererseits habe Marcos ihn während seines Aufenthaltes auf Hawaii um einen 250-Millionen Dollar Kredit gebeten, um seine für seine dreihundertköpfige Belegschaft auf Hawaii finanzieren zu können. Der Kredit, den Enrique nie zur Verfügung gestellt hätte, sollte durch amerikanische Schatzbriefe abgesichert werden.

Den Aussagen von Enrique Zobel wurde eine hohe Glaubwürdigkeit attestiert. Fidel Ramos erhob jedoch bezüglich seiner angeblich von Marcos zugeschanzten Reichtümer sofort Einspruch.

Enrique sitzt jetzt auf seiner Hacienda, auf der er schon seine Grabstätte ausfindig gemacht hat und widmet sich einem seiner Jugendträume – der Rinderzucht.

Enrique wird 1983 aufgrund familiären Drucks von seinem Vorstandsposten entbunden. Sein Nachfolger ist der hochgewachsene Cousin Jaime Zobel de Ayala I . Geboren 1920, besucht er nach der Schule eine Universität in Madrid sowie die Harvard University. 1958 tritt er als Assistent mit einem Monatsgehalt von 200 Dollar in das Ayala-Unternehmen ein. Er arbeitet 26 Jahre in verschiedenen Abteilungen des Unternehmens, unterbrochen von fünf Jahren „Sabbatzeit" als philippinischer Botschafter in Großbritannien. Jaime Zobel investiert insbesondere in den High-Tech- und Telekommunikationssektor, die Entwicklung von Industrieparks und den Automobilhandel (Mitsubishi). Schon er ist mit dem Neuaufbau des Ayala-Kunstmuseums in Makati befasst, nachdem das alte abgebrannt war.

1985 steht er vor der – auch für das Unternehmen – kritischen Frage, ob er Ferdinand Marcos oder seine Konkurrentin Aquino unterstützen soll. Zobel kommt zu der Feststellung:" Wenn die Reformkräfte besiegt werden, dann dürfte hier im Land kein Platz mehr für uns sein" und unterstützt Aquino auch in beratender Funktion.

Jaime Zobel scheidet 1995 aus Altersgründen aus dem Unternehmen Ayala aus. Nun findet er auch mehr Zeit für die professionelle Fotografie, mit der er sich auch schon nebenberuflich beschäftigte und für die er ausgezeichnet wurde.

Forbes Magazin hat das Vermögen seiner Familie mit 1,2 Mrd. Dollar beziffert. Damit liegt er in etwa gleichauf mit seinen chinesischstämmigen Landsleuten Henry Sy (1,3 Mrd. $) beziehungsweise Lucio Tan (1,2 Mrd.$).

Nachfolger im Amt des CEO wird sein 1959 in Manila geborener Sohn J. Augusto Zobel de Ayala – Kurzname: JAZA. Auch er verfügt über Harvard-Abschlüsse. Er tätigt weitere Investitionen in den Nahrungsmittelbereich und insbesondere den Telekommunikations-, IT- und E-Commerce-Sektor. Es stellt sich für ihn aber die Grundfrage, ob das wachstumsstarke Unternehmen Ayala weiterhin diversifizieren soll oder – was mehr im Trend liegt – sich auf bestimmte Kernbereiche konzentriert. – Daneben ist Augusto auch stellvertretender Vorsitzender bei Globe Telecom und der Bank of the Philippine Islands. Er sitzt in Beratungsausschüssen unter anderem bei JP Morgan International, der Mitsubishi Corporation und der Toshiba Corporation.

In einer Rede vor Geschäftsleuten in Hongkong führte er 1996 einmal aus:

Wir alle zahlen für Armut und Arbeitslosigkeit. Wenn ein hoher Prozentsatz der Gesellschaft zur benachteiligten Klasse wird, werden Investoren kaum fähige und geistig bewegliche Arbeiter finden. Dann werden die Unternehmen nur über begrenzte Märkte verfügen. Kriminalität wird ausländische Investoren abschrecken ..... Es macht deshalb für Unternehmen Sinn, gemeinsam mit der Regierung sozial- und bildungspolitische Maßnahmen zu fördern."

Ausweis seines gesellschaftspolitischen Engagements ist u.a. die Vorstandstätigkeit für die Philippines Children & Youth Foundation und seine stellvertretende Vorstandstätigkeit für den WWF der Philippinen.

In seiner Freizeit schwimmt er gerne, er treibt Gymnastik und fährt Fahrrad. „Life is a marathon, not a sprint", hat er einmal gesagt. Und es ist ganz klar, dass er versucht, sein Familienleben zu pflegen.

Denn die achte Generation der Zobels – vertreten u.a. durch Bianca, Paolo und Jake – stehen schon in den Startlöchern, um anspruchsvolle Aufgaben zu übernehmen im ältesten, am breitesten diversifizierten und wachstumsstarken Großunternehmen der Philippinen.

©Wolfgang Bethge, 2002


(1) zitiert nach E. Hübner, Jacobo Zobel de Zangroniz, Deutsche Rundschau, 1897, S. 435 ff.

2) Hermogenes E. Bacareza, A History of Philippine-German Relations, Quezon City, 1980, p. 54 ff.

(2) Vgl. Vom Autoren auf dieser Homesite: „Yamashitas Schatz"